Arne und Andreas Krüger im Gespräch
über Prozessorientierte Homöopathie



Arne Krüger:
Bevor wir uns den speziellen Aspekten der Prozessorientierten Homöopathie zuwenden: Was bedeutet allgemein für dich Homöopathie?

Andreas Krüger:
Homöopathie ist eine aus uralten, mit den Anfängen des Lebens verknüpften Gesetzmäßigkeiten entwickelte Arzneitherapie des großen Sächsischen Arztes Samuel Hahnemann.
Samuel Hahnemann hat ein Urgesetz des Lebens, das Ähnlichkeitsprinzip, arzneitherapeutisch anwendbar gemacht: »Wähle im Krankheitsfalle eine Arznei, die bei einem gesunden und sensiblen Prüfer Symptome hervorruft, die denen eines Kranken ähnlich sind, um diesen zu heilen.«
Dazu hat er zwei Verfahren entwickelt: die Arzneimittelprüfung, um die Arzneikraft zu erfahren, und die Verreibung bzw. Verschüttelung, die Potenzierung oder Dynamisierung, um aus festen Stoffen die Arzneikraft hervortreten zu lassen.

Arne Krüger:
Welche Unterschiede gibt es zwischen der »Klassischen Homöopathie« und der »Prozessorientierten Homöopathie«?

Andreas Krüger:
Es gibt meines Erachtens keine Unterschiede, es gibt Erweiterungen. Die Prozessorientierte Homöopathie stellt eine Erweiterung der klassischen homöopathischen Heilkunst dar, gewachsen aus der Erfahrung vieler Menschen und verschiedenen Strömungen und Entwicklungen in den letzten hundert Jahren.

Arne Krüger:
Welche Rolle hat der Therapeut?

Andreas Krüger:
Der Therapeut hat einen sehr hohen Stellenwert. Er kann im Prozess des homöopathischen Begleitens nur soweit gehen, wie er in seinem eigenen Prozess in sich einen Raum geschaffen hat. Diesen Raum kann er seinem Patienten anbieten, um dortden Patienten in seinem Prozess zu begleiten.
Der Therapeut kann seinen Patienten, der mit einem bestimmten Thema kommt, nur soweit führen, wie er selbst dieser Thematik »begegnet« ist. Das bedeutet, jeder Therapeut, der seinen Patienten weit und tief in die innersten Kammern seiner Seele führen will, muss selbst ein Seelenwanderer, ein Therapierter, sein. Die »Therapie des Therapeuten« ist die erste, ganz zentrale Besonderheit der »Prozessorientierten Homöopathie«. Der Therapeut ist selbst im Prozess der Eins-Werdung und des Sich-Kennenlernens und begegnet seinem »Schatten« und liebt ihn. Nur der kann seinem Patienten helfen und ihn begleiten, der dies bei sich selbst tut, damit er mutig in seine eigenen Räume hineinschreiten kann.

Arne Krüger:
Welche Bedeutung kommt der »Schattenarbeit« zu?

Andreas Krüger:
Die zweite Besonderheit entsteht naturgemäß aus der ersten: die Bedeutung des Schattens. Die alte Hahnemannsche Homöopathie arbeitet primär phänomenologisch, ein Phänomen als subjektive Wahrheit des Patienten. Die Prozessorientierte Homöopathie, aus Erfahrung erwachsen, geht einen Schritt weiter: Sie sagt, wir sehen ein Phänomen, doch hinter ihm verbirgt sich oft die eigentliche Wahrheit. Zum Beispiel: Ein Patient, groß gewachsen, der uns ganz friedlich erscheint, sehr lieb und zugänglich, wird von uns selten Lycopodium bekommen. Wir werden ihm eher »freundlichere« Arzneien verabreichen – und stellen fest, keine hilft ihm. Wir stellen ihm dann die »Schattenfrage«: Gibt es etwas im Außen, was ihn zutiefst leidenschaftlich in den Widerstand treibt, gibt es etwas, bei dem er sogar Ekel empfindet? Wenn dieser Patient »Rechthaberei« nennen würde, dann würden wir ihm Lycopodium geben, auch wenn er phänomenologisch gar keine Lycopodium-Symptome hat.
Seine Symptome werden wir jedoch mit Lycopodium heilen. Er wird dann träumen, er wäre ein großer Politiker, wäre Cäsar oder Napoleon, und der mächtigste Mann der Welt. Denn unsere Lebenskraft heilt, wenn wir das, was im Schatten lag und verschüttet war, annehmen. Dann verschwinden auch die Symptome. Die Arbeit mit dem »Schatten« ist somit die zweite wichtige Besonderheit der »Prozessorientierten Homöopathie«.

Arne Krüger:
Welche Rolle spielen »Wunder« in dieser Selbsterfahrung?

Andreas Krüger:
Der zentrale Punkt ist die Bedeutung des systemischen Feldes und das Einbeziehen der Arbeit Bert Hellingers und der Arbeit von Matthias Varga von Kibéd. Wir schicken unsere Patienten zur Struktur- und Familienaufstellung, um dann entsprechend der aufgezeigten systemischen Problematik das homöopathische Mittel zu verordnen.
Wir haben eine spezielle »Aufstellungsform« an der Schule entwickelt, die »Ikonen der Seele«, eine »homöopathisch-lösungsorientierte Strukturaufstellung«. Zu den üblichen Elementen des Systems werden mittels »Wunderfrage und Schattenfrage« das Wunder, der Schatten und entsprechend passende homöopathische Arzneien aufgestellt. Bei der Annährung an sein Wunder kann sich der Patient eine homöopathische Arznei nehmen, die ihn zu seinem Wunder begleitet. Das Mittel und die Potenz werden durch »Systemische Kinesiologie« ausgestestet – die neueste Entwicklung der »Prozessorientierten Homöopathie«.
Auf die Selbsterfahrung des Therapeuten mit den homöopathischen Arzneien legen wir sehr viel Wert. Durch Arzneimittelprüfungen kann der Therapeut die Arzneien selbst erfahren und ihnen begegnen. Dazu gehört auch das Umsetzen all dieser Erfahrung mit allen Zufälligkeiten, die mit den Arzneien zu tun haben. Das kommt im besten »Bad Bollschen« Sinne in den »Arzneimittel-Steckbriefen« aus den »Homöopathischen Einblicken« von Hans-Jürgen Achtzehn hervorragend zum Ausdruck und ist in den wunderbaren Publikationen von Martin Bomhard, »Symbolische Materia Medica« und »Das Symbolische Repertorium«, veröffentlicht.
»Die Prozessorientierte Homöopathie« schließt noch eine spezielle Besonderheit ein: die »homöopathischen Seelenreisen« oder »Trancen« in der homöopathischen Therapie, in der Arzneimittelfindung und in der Didaktik. »Die homöopathischen Seelenreisen« sind in meinen beiden Büchern » Homöopathische Seelenreisen und »Die Tafelrunde der Seele« niedergelegt.

Arne Krüger:
Welche Bedeutung hat die »alte« Arzneimittelprüfung für die »Prozessorientierte Homöopathie«?

Andreas Krüger:
Sie ist ein integraler Bestandteil, aber wir haben sie erweitert und legen noch mehr Wert darauf, als die alten Homöopathen es taten. Es nimmt zum Beispiel jemand »blind« ein Mittel ein und hat daraufhin das dringende Bedürfnis, sich den Film »Pretty Women« anzuschauen. Der Prüfer hat Phosphor eingenommen – und Phosphor hat Verlangen nach »Pretty Women«.
Bei den Prüfungen beachten wir auch die systemische Problematik und den Schatten, die durch Träume oft sichtbar werden. Das Beachten von Träumen als »initiatisches Medium« zur Arzneimittelfindung und als treffsicheres Medium zur Prognose des homöopathischen Prozesses ist in der »Prozessorientierten Homöopathie« sehr stark entwickelt und verfeinert worden.

Arne Krüger:
Werden die »alten« Hilfsmittel der Homöopathie, zum Beispiel die »Heringsche Regel«, für die »Prozessorientierte Homöopathie« genutzt?

Andreas Krüger:
Dies bildet die Basis jeder Homöopathie, so auch unserer Richtung. Es gibt nichts aus der Klassischen Homöopathie, das wir, liebend und ehrend von Samuel Hahnemann übernommen, nicht einbeziehen. Unsere Schüler lernen die Basis, die Klassische Homöopathie, und darüber hinaus die Erweiterung dessen, die »Prozessorientierten Homöopathie«. Die alte Lehre wird ganz und gar ehrend ergriffen und genommen, und daraus erwächst Neues.
Einer unserer hochverehrten Lehrer, Jürgen Becker, drückte es folgendermaßen aus: »Mach’s weiter, aber mach’s wahrhaftig weiter«. – Eine Modifikation des weisen Ausspruchs Hahnemanns »Mach’s nach, aber mach’s genau nach«. Unsere Schüler lernen es, genau nachzumachen, um es dann weiterzumachen, um es wahrhaftig weiterzumachen.

Arne Krüger:
Wie kann ein Märchen bei der Arzneimittelfindung helfen?

Andreas Krüger:
Märchen sind Bilder, Urbilder unseres Menschseins, Seelenbilder. Das Studium der Märchen ermöglicht einen Einstieg in jene Seelenbilderwelt. Wir müssen nicht unbedingt vom Patienten ein Märchen genannt bekommen. Er kann uns durch seine ganze Problematik, durch einen Traum oder einen Lieblingsfilm an ein Märchen erinnern. Zum Beispiel hat »Aschenputtel« eine starke Beziehung zu Carcinosinum, »Hänsel und Gretel« zu Medorrhinum. Eine Neigung zu Märchen, in denen Strafe und böser Vater vorkommen, hat eine Beziehung zu Arsenicum album. Märchen sind Urbilder, wie sie auch in Träumen, Filmen oder in der Poesie als Bilder zu Tage treten. Wir »Übersetzen« diese Bilder in unseren Arzneien.

Arne Krüger:
Eine Frage, die Homöopathen manches Mal entzweit: Wie steht die »Prozessorientierte Homöopathie« zum Thema »Antidotierung«?
Andreas Krüger:
»Antidotierung« ist tatsächlich ein sehr schwieriges Thema. Wenn man unbedingt an der Homöopathie zweifeln will, so braucht man sich nur mit den Meinungen zur Antidotierung der unterschiedlichen Homöopathen zu beschäftigen, im Grunde hat jeder Homöopath eine eigene Meinung dazu.
Wir wissen jedoch – spätestens seit der Forschungsarbeit von Masaru Emoto zur Beeinflussbarkeit von Wasser durch Gedanken, Worte und Musik –, dass die Arznei wichtig für die Heilung ist. Das bedeutet auch, dass die Energie des Therapeuten, selbst beim Aufschreiben des Mittels auf dem Rezept, sich auf die Arznei einschwingt und überträgt.
Man sollte als Patient den Anweisungen seines Therapeuten folgen, die dieser möglichst selbst erfahren hat. Es gibt Therapeuten, die ihre Arznei mit Kaffee einnehmen, und die Arznei wirkt! Es gibt wiederum jene, bei denen der Patient bestimmte Stoffe nicht mal einatmen darf.

Arne Krüger:
Welche Bedeutung haben Glaube und Religion innerhalb der Homöopathie und welche Rolle spielen sie bei den Patienten?

Andreas Krüger:
»Religio« bedeutet Rückbindung, Rückbindung zu Gott, zum Eins-Sein. Ein heiler Mensch ist ein religiöser Mensch, denn er ist rückgebunden und deshalb frei. Er ist frei, wenn er alles im Außen und im Inneren genommen hat, auch das Transzendente, und Eins wird. Ein Mensch, der in seiner Fülle das Transzendente nicht genommen hat, ist nicht rückgebunden, nicht frei und nicht heil. Jede nicht freimachende religiöse Richtung stellt keine religiöse Rückbindung dar. Deshalb haben wir in der »Prozessorientierten Homöopathie« Hochachtung vor jedem System, das dieser Befreiung und Heilung hilfreich ist. Und unverzichtbar für jegliche Therapie die zur Freiheit führt, steht Religion im Zentrum der Therapie, ganz gleich, welche theologische Ausrichtung der Homöopath vertritt.

Arne Krüger:
Welche Vorrausetzungen sind nötig, um »Prozessorientierte Homöopathie« zu erlernen und anzuwenden?

Andreas Krüger:
Eine weite Seele, Mut, Freude am Prozess, große Freundschaft zum eigenen Schatten und zum Schatten des Patienten, die Fähigkeit wertfrei zu sein – denn Wertung bedeutet Trennung – die Fähigkeit zur friedlichen Kommunikation und die Freude am therapeutischem Begleiten – therapoi = griech. begleiten, dienen. Und über all dem steht die Freude an der eigenen Heilung und Einheit und den Patienten damit anzustecken, um ihn auf seinem Weg mutig begleiten zu können.
Homöopathen müssen symbolhaft Morgenlandfahrer, Ritter der Seele und mutige Kämpfer für die Einheit des Menschenseins sein. Nur dann sind sie wirkliche Sternensänger. Sie helfen den Menschen zur Einheit mit sich und mit der Welt. Der einsgewordene Mensch hat keine Angst mehr vor dem Tod, er muss keine Kriege führen, er braucht in seiner Beziehung keinen Besitzanspruch mehr, keine Eifersucht und dergleichen. Er muss nicht hinter Reichtum her sein, denn er weiß, er selbst ist alles, und alles ist er.
An dieser Stelle möchte ich meinen hoch verehrten Lehrer Rabbi Zalman Schachter zitieren: »Die Heilung der Welt ist eine alchemistische.« Die Homöopathie ist die Alchemie der heutigen Zeit. Durch Politik ist unsere Welt so gut wie nicht mehr zu retten, aber durch die Kraft der Alchemie, der Homöopathie, können Wunder geschehen. Die Erlösung der Welt ist eine homöopathische.

Arne Krüger:
Und welches Wissen ist dazu erforderlich?

Andreas Krüger:
An der Samuel-Hahnemann-Schule werden die Grundlagen der Homöopathie gelehrt, die theoretische Basis, das »Organon« von Hahnemann, die klassische Arzneimittellehre und die erweiterte »Prozessorientierte Arzneimittellehre«.
Darüber hinaus müssen wir unendlich viel über uns selbst wissen, über die eigene Biographie und das eigene System, über den eigenen Schatten und die eigene Seele. Wir müssen über die lösungsorientierte Psychotherapie und deren Arbeit mit dem Wunder unser eigenes Wunder und unsere Vision kennenlernen. Wir müssen um den Weg wissen und um die Liebe zur Einheit.
All dies müssen wir lernen – sowohl die Grundlagen der Homöopathie, die Heringsche Regel, das Repertorisieren, die Arzneimittelbilder, aber auch lieben lernen, lernen »recht« zu denken. Und lernen, dass die drei großen Tugenden – das Staunen, die Achtsamkeit und die Dankbarkeit – jeden von uns zur Einheit empor heilen.
All diese Dinge müssen wir lernen. Lernen und Staunen, das Staunen lernen, das sind die großen Wegweiser unseres Tuns.

 

 


 

BERLINER HOMÖOPATHIE
von Andreas und Arne Krüger

Geschichten zur Prozessorientierten
Homöopathie bei Mensch und Tier
erzählt von den Gebrüdern Krüger

Zu beziehen über:

Verlag Volksheilkunde, Tel.: 0228-6199196

redaktion@verlagvhk.de
Paperback,
400 Seiten,
19,95

zzgl. Versand

 

home

zurück zur vorherigen Seite