Der mit dem Wolf lacht...
Interview mit Andreas Krüger, Leiter der Samuel-Hahnemann-Schule (SHS), einer großen Heilpraktikerschule in Berlin, über die aktuellen homöopathischen Forschungsergebnisse an der SHS mit Lac lupi, der Wolfsmilch, und über die Bedeutung der Homöopathie.
Das Gespräch führte Frau Lydia Schend.(erschienen in Volksheilkunde - Der Heilpraktiker 5/00)
Herr Krüger, an der Samuel-Hahnemann-Schule prüfen sie immer wieder neue Arzneimittel. Wie kam es dazu?
Andreas Krüger:
Die Homöopathie bildet an der SHS den absoluten Schwerpunkt, ein Drittel des Unterrichts widmet sich nur der homöopathischen Medizin. Das Besondere an der Homöopathie, die ja übersetzt homoion pathos - also ähnlich leiden heißt, ist, daß der Homöopath die Erkenntnisse über seine Arzneien auf eine ganz einzigartige Art und Weise sammelt, in dem er nämlich das Zeug schluckt, das er andere Leute schlucken läßt. Die Medizin sähe sicher ganz anders aus, wenn alle Ärzte das schlucken müßten, was sie anderen Leuten verordnen. Die Homöopathen haben als Inbegriff ihres homöopathischen Verständnisses sowas wie eine innere Verpflichtung - von Samuel Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie, richtiggehend ausgesprochen, daß es für junge Menschen nichts gesünderes und weisheitbringenderes gibt, als ihre Arzneien selber zu testen. Also der Selbstversuch, das Selbst-Einnehmen der homöopathischen Arznei gehört sozusagen zur Ehre eines Homöopathen.
Wie geht das konkret vor sich?
Wenn wir an einem Stoff ein besonderes Interesse haben, dann stellen wir eine Gruppe zusammen, die diesen Stoff auf seine Arzneikräfte hin prüfen, das heißt, sie nehmen den Stoff in einer homöopathischen Zubereitung ein. Dazu wird die Ursubstanz zunächst in mehreren genau festgelegten Schritten immer weiter verdünnt und gleichzeitig potenziert, das bedeutet mächtig gemacht. In der C 30, in der dann geprüft wird, ist kein Molekül des Ausgangsstoffes mehr enthalten, aber die Essenz, man könnte sagen der Geist der Arznei, kann nun wirksam werden. Dann nehmen diePrüfer/innen das Mittel so lange ein, bis sie deutliche Symptome entwickeln, die auf das heilende Potential der Arznei hinweisen. Bei den wöchentlich stattfindenen Treffen werden alle gemachten Symptome und Erfahrungen ausgestauscht und vom Prüfer protokolliert und ausgewertet.
Wie kamen Sie gerade Wolfsmilch?
Ich interessiere mich schon seit langem für den Wolf. Als ich dann kürzlich von einem britischen Kollegen hörte, der eine homöopathische Arzneimittelprüfung mit Wolfsmilch gemacht hatte, konnte ich über die Ergebnisse nur wenig erfahren. Nun, da ich das total spannend fand, wollte ich die Wolfsmilch auch gerne an unserem Hause prüfen, um zu erfahren, wie die Wolfsmilch-Arznei homöopathisch einsetzbar sein könnte. Schon unsere ganz alten Homöopathen haben immer gesagt, wir müßten ganz besonders die Milche der Tiere prüfen, denn in ihnen würden besondere Arzneikräfte innewohnen, die den Menschen Dinge geben könnten, die die Menschen heute größtenteils verloren haben. James Taylor Kent, einer der ganz großen Homöopathen vor 150 jahren, hat einmal gesagt, daß die Milche der Tiere mit wahrscheinlich zu den größten Heilmittel gehören würden, die wir kennen. Es sind bisher aber nur wenige Tiermilche geprüft worden, wir kannten bislang nur Hundemilch und Kuhmilch. So habe ich einen meiner ehemaligen Schüler, der inzwischen selbst Heilpraktiker ist, damit beauftragt, eine solche Arzneimittelprüfung unter meiner Supervision durchzuführen. Dann fand eine Gruppe von gesunden Menschen zusammen, die Interesse an diesem Selbstversuch hatten. Gesundheit ist eine wichtige Grundvoraussetzung, denn bald stellen sich bei den Prüflingen bestimmte Symptome ein, die nicht unbedingt krankhafte Symptome sein müssen, sondern die auch Heilungssymptome sein können.
Welche waren das?
Wir haben erlebt, daß viele von den Leuten, die diese Wolfsmilch zu sich genommen haben in homöopathischer Potenzierung, ganz spontan aufhörten zu rauchen. Warum ist eigentlich ganz klar: Rauchen ist ja immer so ein Stück Ersatzbefriedigung, also unbefriedigte Oralität. Und wenn jemand eine homöopathische Milch zu sich nimmt, scheinen Defizite geheilt zu werden, die vielleicht dadurch entstanden sind, das man als Kind schlecht oder gar nicht gestillt worden ist. Wir wußten von dem homöopathischen Arzneimittel Hundemilch schon, daß es ein Heilmittel ist für Kinder, die gar nicht oder nur schlecht gestillt worden sind - und nun erlebten wir mit der Wolfsmilch, daß Leute einfach auförten zu rauchen.
Bei anderen Prüfer/innen - so auch bei mir -hat sich interessanterweise das Eßverhalten geändert. Ich hatte z.B. nur noch 20% des Fleischhungers, den ich vorher hatte und ich esse seitdem auch langsamer und weniger. Bei mir war das sozusagen ein Heilungszeichen - bei anderen Prüfern zeigte sich ein gesteigertes Verlangen nach Fleisch. Auffällig bei vielen war ein gesteigerter Geruchsinn. Auch habe ich bei vielen Prüfern erlebt, daß sie sehr in ihre Kraft kamen. Die homöopathische Wolfsmilch half ihnen sozusagen, ihren inneren abgespaltenen Wolfsteil anzunehmen...und in so einem Fall ist Schluß mit mobbing..dann werden die Mobber jefrühstückt.
Ein Mittel für unsere Zeit also. Werden die Ergebnisse noch irgenwie standardisiert und zum Beispiel in Doppelblindstudien verifiziert, wie dies von der Schulmedizin praktiziert und ja auch gefordert wird?
Es gibt Kollegen, die mit derartigen weiterführenden Studien versuchen, die Wirksamkeit der Homöopathie zu beweisen. Ich gehöre nicht dazu, ich erfahre es täglich und ich weiß deshalb, daß die Homöopathie wirkt - für mich ist das reine Empirie. Ich glaube außerdem, daß die Homöopathie in unserer Zeit niemals die Anerkennung finden wird, derer sie würdig ist. Wenn diese Gesellschaft anerkennen würde, daß unsere Medizin in 95% der Fälle ausreicht, würde morgen die Homöopathie verboten und für mich als verkünder dieser frohen Botschaft ein Scheiterhaufen gebaut. Warum? Weil das bedeuten würde, daß die Aktien der großen Pharmakonzerne fallen würden um mindestens 70 % und die Aktien der 3 homöopathischen Firmen, die wir haben in Europa, die würden steigen. Mächtige Teile dieser Gesellschaft leben davon. Das ist das Schreckliche, daß Leute krank sind und nicht wirklich geheilt werden, denn dann wären eine Unzahl pharmazeutischer Mittel überflüssig. Das phantastische an der Homöopathie ist ja, daß sie die Selbstheilung des Menschen stimuliert und fast nichts kostet.
Was kostet sie denn?
Na, ein Röhrchen unserer Globuli kostet zwische 3 und 10 Mark. Und damit kommen Sie mitunter Jahre aus. Homöopathie ist einfach preiswert und sie braucht keine Ressourcen - sie ist zutiefst ökologisch., denn mit einem Minimum an Dosis kann man ein Maximum an Wirkung erzielen. Mit ihr kann man kein großes Geld verdienen, aber mit ihr kann man Millionen von Menschen versorgen ohne damit die Natur auszubeuten. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der es keine Schulmedizin gibt. Ich bin für Antibiotika, ich bin für Kortison, ich bin für Operationen, aber nur dann, wenn es notwendig ist. In den Fällen, wo diese Mittel eingesetzt werden müssen, sind sie wunderbar. Inzwischen gibt es ja immer mehr Ärzte, die sich für die Homöopathie interessieren und die unsere Abendkurse besuchen. Der alte Samuel Hahnemann war ja auch Arzt. Er hat mit seinem Arzttum aufgehört, weil er gesagt hat, er wollte seine Menschenbrüder nicht mehr wehtun. Es gibt ganz viele junge Ärzte, die sprechen mich an und sagen, sie kriegen eine Krise, wie sie ihre Leute behandeln müssen. Erst kürzlich sagte mir ein junger Arzt, daß er nicht mehr auf der Psychiatrie arbeiten könne. Wenn Leute auf seiner Station eingeliefert wurden, weil sie sagten, sie seien die Jungfrau Maria, was mußte er ihnen geben? Haldol. Und dann liefen sie durch die Station wie Zombies. Wenn einer in einem indischen Dorf sagt, er sei die Reinkarnation Kalis, und wenn er sich dementsprechend verhält, dann bauen sie ihm einen Tempel. Dieser junge Arzt konnte so nicht mehr weiterarbeiten.
Arbeiten Sie auch mit Ärzten zusammen?Es gibt für deutsche Ärzte ein Verbot, mit Heilpraktikern zusammenzuarbeiten, ausgesprochen von der Deutschen Ärztekammer, aber zum Glück halten sich, zum Wohle der Patienten, nicht alle Ärzte daran. Es gibt einige Ärzte, die mir Patienten schicken, bei denen sie mit ihren Methoden nicht weiterkommen, z.B. wenn eine Frau, die ihr Kind verloren hat, seit diesem Zeitpunkt chronische Kopfschmerzen hat. Dann kann er sie entweder mit Schmerzmitteln vollknallen, von denen er weiß, daß sie erhebliche Nebenwirkungen haben, oder er kann sie in die Psychotherapie schicken, was eine langandauernde und teuere Angelegenheit ist, oder aber sie braucht das für sie passende homöopathische Mittel, das ich für sie finde und das ihr tatsächlich helfen kann. Fragen Sie mich nicht warum, aber homöopathische Mittel können einem Menschen helfen, seine Trauer zu tragen und zu nehmen. So was gibt es. Das erfahren wir immer wieder. Das läßt sich nicht im Reagenzglas zeigen. Und wenn jemand sagt, wir seien irgendwie ulkig und alternativ etc. , dann sage ich, daß diese Medizin, die wir betreiben, auf Erfahrungen aufbaut, die irgendwo in den Höhlen der Urzeit angefangen haben. Und die Medizin, die sich anschickt, über uns zu urteilen, die gibt es mal gerade über einhundert Jahre. In letzter Konsequenz ist es ein zutiefst politisches Problem, das wir hier haben und kein statistisches. Diese homöopathische Medizin darf es in unserer Gesellschaft letztendlich wirklich richtig nicht geben, denn man kann mit ihr kein Geld verdienen und sie macht Menschen authentisch und rebellisch.
Die Homöopathie erfreut sich ja immer größerer Beliebtheit, vor allem bei Frauen, was sich ja auch darin ausdrückt, daß der Anteil der Schülerinnen Samuel Hahnemann-Schule sehr hoch ist?
Wie erklären Sie sich das?
Seit altersher war die Stellung der Frau in Ritus und Heilkunst eine ganz besondere. Frauen waren es, die Kanal waren für die Botschaften der geistigen Welt in die hiesige Welt, Frauen waren es, die schon immer als Medien, als Pforten der Wahrnehmung zwischen dieser Welt und der Anderwelt fungierten. Darum sind es auch heute zum großen teil Frauen, die in Spiritualität und Heilkunst tätig sind und deshalb auch das Gros unserer Schülerschaft ausmachen. Das heißt nicht, daß Männer all dies nicht können, aber das Männliche ist doch in den letzten zwei, drei tausend Jahren in eine Form gepreßt worden, wo ihnen viele Wahrnehmungsorgane verloren gegangen sind, die man braucht, um fein seelisches und spirituelles wahrzunehmen, wobei natürlich auch mann diese Wahrnehmungsorgane entwickeln kann, wenn er nur will. Die Handwerkszeuge, mit denen wir an dieser schule arbeiten, sind außerdem phänotypisch in erster Linie weibliche. In der prozeßorientierten Homöopathie, die wir an dieser Schule entwickelt haben und lehren, geht es ja weniger um Analyse, weniger um intellektuelles Durchdringen, sondern vielmehr um das Erfühlen, das Erfahren, das Wahrnehmen und in letzter Konsequenz auch um das Erleiden, denn Homöopathie heißt ja nicht umsonst homoion pathos, das ähnliche Leiden oder der ähnlich leidende. Wir müssen empathisch dem Kranken begegnen, so wie wir der Arznei empathisch begegnen müssen, sie in uns wirken lassen müssen, sie erkennen müssen und sie fühlen, begreifen müssen. Und dies alles sind sehr weibliche Wege zur Erlangung von Bildung, was ja ursprünglich nichts anderes heißt als Bilder zu haben. Das sind sehr intuitive, visionäre Wege.
Die Arzneimittellehre der Homöopathie wird Materia Medica genannt,
womit ja genau genommen auch ein weiblicher, mütterlicher Bezug deutlich wird...
Richtig. Materia Medica - Mater - Mutter, bedeutet schon vom Wortstamm her, daß es eine mütterliche Arznei ist, die wir auf eine weibliche, mütterliche Art erfahren, indem wir sie in der Arzneimittelbegegnung zu uns nehmen, die wir unsere Seele und unseren Körper ergreifen lassen, die uns auf wunderbare Art und Weise nährt. Die Erde ist ja seit altersher die Mutter - und der größte Teil der homöopathischen Arzneien kommt aus dem Schoß der Mutter Erde kommen. Die Homöopathie hat ein stark nährendes Prinzip, aber auch ein erinnerndes Prinzip, das mir persönlich sehr wichtig ist. Wenn wir krank werden, befinden wir uns im grunde in einem Zustand des vergessens. Krankheit heißt im psychosomatischen Sinne, daß ich einen Konflikt gehabt habe, den ich nicht bewältigen konnte, den ich ins Körperliche habe fallen lassen, um ihn seelisch nicht mehr wahrnehmen zu müssen. das körperliche Symptom bringt mich dazu, mich mit diesem Konflikt wieder auseinanderzusetzen, und wenn ich das Glück habe, zu einem Therapeuten zu kommen, der über seelenkundliche zusammenhänge weiß, der eine seelenfreundliche Therapie wie die Homöopathie anwendet, dann wird dieser Therapeut und die homöopathische Arznei mir helfen, mich wieder an den Konflikt zu erinnern, ihn wenn möglich zu lösen und damit körperliche Symptome als Erinnerungshilfe überflüssig zu machen. Der zweite Punkt ist, daß wir ja aus einer Einheit kommen, wir ja Teil einer an sich ungetrennten Fülle sind, in uns im besten philosophischen Sinne der Funken des göttlichen Seins glimmt, und wenn wir warum auch immer dies vergessen haben, dann sind es auch unsere Symptome, die uns daran erinnern. Krankheit heißt auch Erinnerungshilfe daran, daß wir komplett sind, daß wir eigentlich perfekt sind, daß wir in einer Welt voller Wunder leben, aber dies schlichtweg vergessen haben. Der nächste Schritt des Erinnerns betrifft unsere Seele an sich. Krankheit heißt auch, daß wir die Fülle, sprich die Teile, die die Fülle unserer Seele ausmachen, vergessen haben. Der Mensch ist viele, der Mensch ist im positiven Sinne eine multiple Persönlichkeit. Wenn wir teile unserer Personlichkeit unterdrückt haben und in den kerker unserer seele eingesperrt haben oder einsperren mußten, dann werden uns unsere symptome daran erinnern, welche innere teilpersönlichkeit von uns nicht geehrt, abgeschoben, verachtet, versklavt wurde. jede gut gewählte Arznei hat die Möglichkeit, uns an eine dieser abgspaltenen teile zu erinnern, sie aaus ihrer gefangenschaft zu lösen, sie zu ehren und ihnen wieder einen ädäquaten Platz an der Tafelrunde unserer Seele einzuräumen.Es geht also um drei Wege des Erinnerns und die Fähigkeit der Arznei, unsere oft verhungerten Teilpersönlichkeiten zu nähren.
Sie arbeiten ja auch viel mit Archetypen, Träumen und Trancen...Es gibt ja die unterschiedlichsten Systeme von Urbildern, die in uns wohnen und die auch homöopathisch erinnert und geheilt werden können. Einmal gibt es die großen Archetypen, die dem Tierkreis zugeordnet werden, dann gibt es Krafttiere der schamanistischen Tradition. Wir versuchen in unserer Art von Homöopathie, den Patienten nicht nur intellektuell zu verstehen, sondern ihn oder sie auch auf eine sehr sensitive Weise wahrzunehmen, das Thema unseres Patienten in uns anklingen zu lassen.