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ANDREAS  KRÜGER  -  Homöopath, Seelenreisender und

Erinnerer

 

 

 

Es ist äußerst schwierig, einen Artikel über einen Menschen zu schreiben, der von sich selbst sagt, er sei „Viele“ und ein Buch geschrieben hat, das den Titel „Tafelrunde der Seele“ trägt.

Dabei ist Andreas kein „schwieriger“ Mensch, im Gegenteil. Seine Umsicht im täglichen Alltag in der eigenen Praxis und als Schulleiter der „Samuel-Hahnemann-Schule“ in Berlin, seine Fürsorge gegen-über den Patienten, den Schülern und allen seinen anderen Wegbegleitern werden getragen von seiner tiefen Menschlichkeit.

Vielleicht ist es gerade dieser Facettenreichtum in seiner Person, die Andreas so schwer charakterisierbar werden lassen - eigentlich hilft nur eigenes Erleben.

Da ein solches Erlebnis nicht beschreibbar ist , will ich versuchen, einen Teil seiner Arbeit vorzustellen indem ich ihn selbst darüber erzählen lasse.

 

 

Die „Prozeßorientierte Homöopathie“

 

Frage :  Wie läßt sich dieser Begriff kurz beschreiben?

 

Die Basis dieses Schlagwortes wurde in Bad Boll gelegt. Es geht hierbei um eine „lebendige Aneignung der Homöopathie“, wie Jürgen Becker sagt.

Der Mensch besteht nicht nur aus einer Ansammlung von Symptomen, sondern er ist einer, der durch sein Kranksein auch eine Chance sieht, sich zu verändern und in dieses „Erkennen des Wegs“ einzusteigen, das wir meinen, wenn wir von „prozeßorientierter Homöopathie“ reden.

 

Frage : Welche Grundvoraussetzungen stellt die Arbeit mit diesem Prozeß an den Therapeuten?

 

In der prozeßorientierten Homöopathie kommt es darauf an, daß der Therapeut seine Arzneimittel-wahl nicht ausschließlich nach den subjektiv vorhandenen Symptomen trifft, sondern daß er in einem größeren Rahmen versucht zu verstehen, wo die tiefere Problematik des Patienten liegt - unter Einbeziehung der Biographie des Patienten und seines Familiensystems, wie es uns Bert Hellinger lehrt.

Er sollte auch nicht nur dann das richtige Mittel finden, das den Patienten anregt, sondern er sollte den Patienten auch in vielen anderen Bereichen - ob das die Ernährung ist, die Psychotherapie, die Leibtherapie oder die tägliche Übung - ich nenne das das Exerzitium - unterstützen.

Ich kann es immer nur wiederholen, daß es eine weitere Grundvoraussetzung ist, daß der Therapeut, der solches von seinen Patienten verlangt, auch selbst in seinem eigenen Prozeß drin ist. Die Voraussetzung für dieses Arbeiten mit dem Patienten ist, daß der Therapeut immer versucht, selbst heiler, transparenter zu werden um jemand zu begleiten - weit und in tiefe Prozesse hineinbegleiten zu können.

 

Frage : Es wird auffällig, daß sich hier Psychotherapie und Homöopathie vereinen - oder reiben sie sich eher aneinander?

 

Seit Jahren erlebe ich, daß sich diese beiden großen Säulen der Naturheilkunde wunderbar ergänzen. Seit Jahren erlebe ich, wie durch das Arzneimittel, das uns durch die Pforten des Unbewußten in die des Bewußten führt, die Frage nach psychotherapeutischer Durchdringung und Begleitung drängender wird, daß wir auch da aufgefordert sind, Unbewußtes zu erkennen, wachzuhalten, zu integrieren, vielleicht zu lösen.

Seit Jahren ergänze ich die Homöopathie mit Leibarbeit. Da erlebe ich, wie die Homöopathie den Körper öffnen kann und wie das in der Leibarbeit integriert werden kann. Und auch hier meine ich, wie wichtig es ist, daß auch der Therapeut immer wieder sein eigenes Unterbewußtes durchdringen, erarbeiten und integrieren, d.h. annehmen muß.

Nach einem langen, wie ich es immer nenne „seelsorgerischen“ Gespräch mit einem Patienten meinte dieser zu mit : „Das Kügelchen, das Sie mir gegeben haben, ist für mich die Fortführung des Gesprächs mit nonverbalen Mitteln.“ Also das Kügelchen erzählt ihm innerlich eine Geschichte, so wie ich ihm eine von außen erzählt habe.

 

 

„IKONEN  DER  SEELE“ - Familienaufstellung und Homöopathie

 

Frage : Du arbeitest seit einiger Zeit immer mehr mit Familienaufstellungen, wie B.HELLINGER sie lehrt. Ist auch das ein Prozeß?

 

Natürlich ist das ein Prozeß - und was für einer!

Was bedeutet denn systemisches Arbeiten und Denken? Wenn wir systemisch betrachten und arbeiten, stellen wir nicht den Patienten allein in seiner Individualität in den Mittelpunkt und forschen, welche Ursachen für Krankheit und Verstimmung in ihm liegen, sondern wir versuchen zu ergründen, welche Einflüsse, welche Verletzungen, welche Übertragungen aus seiner ihn umgebenden Umwelt, seinem System auf ihn wirken, sprich er auf diese reagiert.

Wie oft sind wir in der Praxis in einer Situation, wo nach vielen Gesprächen und vielen Verordnungen keine Wandlung eintreten will, wir aber scheinbar alles vom Patienten und seinen Lebensumständen erfahren haben.

Durch systemisches Arbeiten, sprich das Aufstellen seiner Gegenwarts- oder Herkunftsfamilie oder auch ganz bestimmter Probleme, die der Patient hat ( Problem- oder Symbolaufstellung, entwickelt von Matthias Varga von Kibed und Insa Sparrer, bei denen ich seit mehreren Jahren lernen darf ), werden wir in die Möglichkeit versetzt, Ätiologien zu erkennen, die wir ohne das Aufstellen erst sehr viel später oder vielleicht nie erkannt hätten. Diese Erkenntnis hilft uns neben dem Heilsamen und Erlösenden des Aufstellens und der darin benutzten Rituale auch Arzneimittel zu erkennen und anzuwenden, auf die wir nur im Rahmen des persönlichen Gesprächs nie gekommen wären.

Vielleicht kann eine Fallbeschreibung hier das Ausmaß der Wichtigkeit solch einer Verbindung erst richtig deutlich machen, und wenn es den Rahmen dieses Gesprächs nicht sprengt, möchte ich dies gerne tun.

Ein sympathischer, sehr herzlich wirkender, 36-jähriger Mann kam zu mir in die Praxis. Er war homo-sexuell. Was ihm aber daran ein großes Problem bereitete war, daß er erwachsene Männer sexuell nicht attraktiv fand. Ausschließlich Kinder erregten ihn. Da er ein ausgeprägtes Unrechtsbewußtsein gegenüber dieser Veranlagung hatte, lebte er nun seit vielen Jahren sexuell völlig abstinent. Das wiederum machte ihn sehr depressiv und quälte ihn. Was ihm auch immer wieder zu schaffen machte, waren sexuell-sadistische Träume, in denen er Menschen wehtat, indem er sie fesselte und schnitt.

Er war vorher bei einem anderen Kollegen gewesen, der an ihm viele homöopathische Mittel aus-probiert hatte ( über mehrere Jahre fast alle Mittel aus den Rubriken „unglückliche Liebe zu jemandem aus dem eigenen Geschlecht“ und „Homosexualität“ ).

Da mich die Dramatik des Seelenzustandes dieses Patienten erst einmal deutlich überforderte und mir auch im Gespräch keine neuen Mittelideen kamen, empfahl ich ihm, erst einmal eine Familienaufstellung zu machen, in der Hoffnung, hieraus mehr über die Hintergründe seiner Erkrankung erfahren zu können. Er selbst hatte sich immer wieder wie besessen von diesen sexuellen Bildern und Erregungen geschildert ( und ist es nicht auch Besessenheit, ein von bösen Geistern  Besessensein, das solche Menschen in Mißbrauch und Pädophilie hineintreibt? Und ist nicht das richtige homöopathische Mittel oder das richtige systemische Ritual auch ein Exorzistikum zum Vertreiben solcher böser Geister? )

Der Klient folgte meinem Vorschlag und unterzog sich einer solchen Familienaufstellung.

Auffällig und erschütternd daran war, daß, als er seine Familie aufgestellt hatte ( er stellte sie in einem Halbkreis, so daß alle in die Mitte des Raumes auf einen gemeinsamen Punkt schauen konnten ), daß also alle Aufgestellten in einen Zustand allergrößter Erregung und Angst kamen. Sie beschrieben Entsetzen und Panik, ausgehend von etwas, das sich an dem Punkt befand, auf den sie alle schauten. Es war, als sei das personifizierte Grauen in der Mitte des Raumes und der Stellvertreter des Patienten war so verstört, daß er durch einen neuen Stellvertreter ausgetauscht werden mußte. Daraufhin stellte der Aufstellungsleiter einen Teilnehmer in die Mitte des Raumes als Stellvertreter für des unbekannte Grauen. Diesem erging es ebenfalls in allerkürzester Zeit so schlecht, daß er aus der Aufstellung genommen werden mußte. Er hatte das Gefühl bekommen, man würde seinen Kopf abschneiden. Daraufhin brach der Aufstellungsleiter die Aufstellung ab. Er entließ meinen Patienten mit der Aufforderung, in seiner Familie nachzuforschen, was es an verschwiegenem Grauen, an verborgener Entsetzlichkeit im Familiensystem geben könnte und empfahl ihm, in 14 Tagen wiederzukommen. 

Daraufhin ging der Patient zu seinen Eltern und berichtete ihnen von den Erlebnissen während dieser Aufstellung und erstmals auch von seinen pädophilen Neigungen und seinen sadistischen Träumen.   ( Seine Homosexualität war bekannt und wurde auch toleriert ).

Daraufhin brach der Vater völlig zusammen und erzählte unter Tränen, daß er einen Bruder hatte, der ebenfalls pädophil gewesen war, aber ohne jegliches Unrechtsbewußtsein darüber war. Dieser Bruder war offiziell im 2.Weltkrieg für Führer, Volk und Vaterland den Heldentod gestorben.

Der Onkel meines Patienten hatte in dem Dorf, in dem die Familie damals wohnte, einen Jungen mißbraucht und ermordet und er hatte ihn geschnitten. Der Mörder war daraufhin verhaftet, verurteilt und enthauptet worden.

Als der Patient wieder zu mir in die Praxis kam und diese Geschichte erzählte, war mir mit einem Mal plötzlich klar, daß er sich in einer unheilvollen Nachfolge seines vom Vater verschwiegenen und tabuisierten Onkels befand. Oft folgen Kinder gerade verschwiegenen und tabuisierten und verstoßenen Mitgliedern eines Familiensystems nach.

Da ich vor Jahren von meinem Lehrer Jürgen Becker in unvergleichlicher Art und Weise das Arzneimittelbild von ACIDUM  FLUORICUM nahegebracht bekommen habe, war mir spontan klar, daß dieses Mittel das Heilmittel für meinen Patienten sein müsse ( seelische Verhärtung, Sadismus, sexueller Mißbrauch, Verlangen zu schneiden, etc.)

Ich gab ihm sofort Ac. Fluoricum C 1000, 2 Tage je 2x1 Kügelchen, und was sofort verschwand, waren seine quälenden Träume. Er fühlte sich viel gelöster und durch das Wissen, was ihn an Grauen bestezt gehalten hatte, erkannte er, daß nicht er es war, der diese Gefühle wirklich gehabt hatte, sondern daß er sie für jemand anderen gespürt hatte.

Vierzehn Tage später stellte er wieder auf. In dieser Aufstellung sagte er zum Stellvertreter des Onkels folgende Worte : „Onkel, ich nehme dich an als Teil unserer Familie, aber ich verabscheue deine Tat und werde dein Leid nicht meht tragen und dir nicht nachfolgen. Ich werde in meinem Leben Liebe und Sexualität frei und entwickelt leben.“ Der „Onkel“ antwortete : „Ja, ich nehme meine Schuld an und es tut mir unendlich leid, aber es ist, wie es ist, und ich muß es tragen. Lebe dein Leben glücklich und zufrieden und ich will dich segnen.“ Daraufhin gebot der Leiter der Gruppe dem Onkel den Saal zu verlassen, was alle Teilnehmer der Gruppe spontan entlastete.

2 Wochen später kam der Patient freudestrahlend in meine Praxis und sagte, er hätte sich in einen jungen Mann verliebt, der „aussieht wie ein Gorilla“, wegen dessen starker Körperbehaarung. Dabei war ein Merkmal der Pädophilie meines Patienten gewesen, daß ihn jegliche Körperbehaarung bei Männern total abturnte. Er lebt nun schon seit langer Zeit glücklich und erfüllt mit diesem Freund zusammen, die pädophilen Neigungen sind völlig verschwunden und die sadistischen Träume sind ausgeblieben.

Dieser Fall eines potentiellen Täters, der vielleicht ohne die Hilfe von Homöopathie und Familienaufstellung auch zum tatsächlichen Täter hätte werden können, beweist, wie es möglich ist, in der Kombination dieser beiden Therapien nicht nur helfend, sondern wirklich heilend einzugreifen.

Dieses Wissen um die grandiosen Möglichkeiten, die sich hier dem Therapeuten eröffnen, versuche ich in meinen Seminaren, die unter dem Titel „Ikonen der Seele“ abgehalten werden, an alle die weiterzugeben, deren Anliegen es ist, den Patienten wirkliche und ursächliche Hilfe und Problemlösungen zu geben.   

 

 

Frage :  Ist also echte Heilung nur möglich, wenn der therapeutisch begleitete Wandlungsprozeß beim Patienten eine Entwicklung bewirkt hat?

 

Das ist so einfach nicht zu sagen.

Da gibt es natürlich auch Randphänomene. Ich gebe z.B. Allium cepa und der akute Schnupfen verschwindet. Dann war der Konflikt, der hinter diesem Schnupfen stand, einfach nicht tief ausgeprägt.

Aber umgekehrt kommen Patienten zu mir von anderen Kollegen, die durchaus das richtige Mittel gegeben haben, der Patient bekam Träume - und was für welche - er kam an Themen heran, wo der Therapeut dann nicht bereit war, mit diesen neuen Dingen mit dem Patienten zu arbeiten. Das Ganze versandete. Und nach gewisser Zeit tauchte dann auch die Störung wieder auf.

Aber wir wissen doch nun : Es geht nicht darum, ein Symptom wegzumachen, sondern es überflüssig zu machen, d.h. das zu bearbeiten, was hinter dem Symptom steht, das was es eigentlich symbolisiert.

Es ist durchaus möglich, daß eine chronische Krankheit auch ohne psychotherapeutische Begleitung heilt. Auch ich habe das schon erlebt.

Aber dennoch : Ich habe noch keinen Fall erlebt, bei dem nur durch die Gabe des Kügelchens ohne Wandlung eine tiefe und echte Heilung erfolgt ist.

 

 

Frage : Ist diese Form der homöopathischen Therapie für alle Patienten geeignet?

 

Wir machen doch keine andere Homöopathie, sondern eine erweiterte.

Für meine anderen - also nicht im Prozeß befindlichen - Patienten, die ich selbstverständlich auch habe, da gibt es doch das gesamte Handwerkszeug der klassischen Homöopathie.

Wenn ich nicht weiter weiß, dann repertorisiere ich so, wie ich es gelernt habe. Wir unterhalten uns doch hier über „Prozeßorientierte Homöopathie“ nur deshalb, weil wir inzwischen gelernt haben, daß es eben oft nicht reicht, seinen PC mit genügend hierarchisierten Symptomen gefüttert zu haben.

Bei Oma Schulze mit ihrer chronischen Arthritis versuche ich nicht mehr herauszukriegen, welche Scham, welche Wut ihr im Muskel brennt. Ich schicke die 92-jährige auch nicht mehr zur Bioenergetik.

Aber ich sage Oma Schulze, daß sie das gute Recht hat, auch einmal auf Opa Schulze sauer zu sein, wenn er sie wieder anpflaumt, weil er so schwerhörig ist, und daß sie nicht wieder ihre Wut im Muskel verkochen lassen muß. Und um das dann leben zu können, dafür unterstütze ich sie mit Staphysagria.

 

 

Die Arzneimitteltrance - das ERINNERN

 

Frage : Du benützt zur Vermittlung des Wesens eines homöopathischen Arzneimittels bei deinen Schülern sehr häufig die Trance. Welche besondere Wirkung erreichst du damit?

 

Ich weiß nicht, ob es C.G.Jung war oder ein anderer unserer großen „Alten“, der einmal sagte : Das Tagesbewußtsein,das wir haben, auf das wir so stolz sind und das wir in irgendwelchen IQ’s messen und das diese Welt ja auch im Wesentlichen regiert, wäre nichts als eine verschwindend kleine Insel im riesigen Ozean unseres archaisch tiefen, urhaften Unterbewußtseins. Seit ewigen Zeiten haben Priester, Heiler und Schamanen die Trance benutzt, um zu diesem Ozean unseres Unterbewußtseins Kontakt aufzunehmen. Sie haben viele tausend Jahre aus diesem Kontakt heraus ihr Leben gestaltet, das Leben ihrer Völker und das Leben dieses Planeten. Und sie haben dadurch geheilt! Und ich behaupte mal : gar nicht schlecht!

Ich habe dieses Medium nicht erlernt, wenn man das überhaupt kann, es ist mir passiert. Und ich hatte das unglaubliche Glück, einen Lehrer zu haben, Rabbi Zalman Schachter, der mir nach Tranceerfahrungen, die ich mit ihm machte, so etwas wie einen Auftrag gab : „Jüngelchen“, sagte er, „nehm dieses Medium in deine Arbeit hinein.“

Käthe Kollwitz sagte einmal, daß eine Gabe immer auch eine Aufgabe sei. Und ich habe diese Aufgabe ergriffen, ja sie ergreifen müssen. Ich trance sehr oft auch nicht willentlich, sondern ich falle einfach in Trance, sie ergreift mich.

In der Gruppentrance mit meinen Schülern an der Schule und allen anderen, die meine Seminare besuchen und dieses Erlebnis mit mir teilen wollen, kann ich auf diese Weise das Bild einer homöopathischen Arznei erlebbar machen, erlebbarer als mit der reinen Symptomenlehre.

Homöopathische Mittel sind Erinnerer und sie sind Fütterer. Zum Beispiel Medhorrinum. Dieses Mittel erinnert uns an unseren inneren Alexis Sorbas. Wer mit diesem Mittel zu tun hat, wen es berührt, und wer in diesem Mittel heil ist, der kommt z.B. in eine griechische Taverne und tanzt und säuft. Wer nicht heil ist, der kommt in seiner Trance vielleicht in eine Situation, in der er als Kind in seinem Zimmer sitzt und die Mutter steht über ihm und sagt : „Du wirst nicht wie dein Vater, der ständig um die Häuser zieht und sich besäuft.“ Und wenn der kranke Medhorriniker die Arznei kriegt, hat er die Stärke, zu sagen : „Aber es ist mein Vater und ich liebe ihn!“ Und er wird sich frei und stark fühlen und seine Lebensenergie wird kräftig sein.

In der Arzneimitteltrance werden Zugänge zum Wesen des Mittels geschaffen, wie sie auch bei den Verreibungen erlebt werden. Wir rufen das Arzneiwesen herbei, öffnen unsere Wahrnehmungsorgane für das herbeigerufene Arzneiwesen und lassen es durch uns sprechen. Trance ist ein durchaus didaktischer Zugang zum tieferen Verständnis der Arznei. Trance heißt nichts anderes als :  den Schalter umlegen und den ganzen Ozean des Unterbewußtseins sehen, nicht mehr nur wie mit den äußeren Augen die kleine Insel des Tagesbewußtseins.

 

 

Frage :  Worin siehst du nach den vielen Jahren als Therapeut und Lehrer deinen eigenen Prozeß, deinen eigenen Weg?

 

Hierauf  eine Antwort zu geben fällt mir schwer, es ist ja nicht so, daß ich mit meinem Prozeß schon zu Ende wäre. Die Antwort kann immer nur eine Momentaufnahme sein oder, um mit Karlfried Graf Dürckheim zu sprechen : Der Weg ist das Ziel, nicht die Herberge.

Ich habe versucht, auf diese Frage, weil sie mir auch von vielen anderen gestellt wurde, eine Antwort zu finden und heraus kam eine kleine Schrift, die heißt „Weg und Wandlung“, und da hatte ich ein Motto, das heißt „Aude somnare - wage zu träumen“. Dieser Weg der Traum- und Trancearbeit wird für mich immer wichtiger.

Aber derzeit sehe ich mich selbst hauptsächlich als Erinnerer. Das „Gnothi seauton - erkenne dich selbst“ heißt letztendlich nicht mehr und nicht weniger als „Erinnere dich!“ Und diese Worte existieren und haben Bedeutung seit mehreren tausend Jahren als Mahninschrift über den Orakeltempeln und den Stätten der Heiler.

Ich möchte, daß wir uns erinnern, daß wir uns erinnern an das Wunder dieses Planeten, an das Wunder unserer Existenz und an das Wunder dieser Schöpfung. Ich möchte, daß wir ein bißchen werden wie Kinder. Einer meiner Lehrer sagte : Es gibt drei zentrale Störgefühle: das sind Undank, Ungeduld und Gier. Planetarisch ausgebreitet: der westliche Wohlstandsmensch wird geprägt von diesen drei Störgefühlen. Die drei heilsamsten Gefühle sind : die Dankbarkeit, die Achtsamkeit und -das finde ich fast am Schönsten - das Staunen.

Ich möchte die Menschen erinnern - und das kann ich nur, wenn ich den Menschen in seiner kindlichen Seele erreiche, damit er sich wieder wundern kann, damit er wieder dankbar sein kann, damit er wieder achtsam ist.

Das heißt nicht, daß er dann unkritisch werden soll. Es gibt selten kritischere Wesen als unsere Kinder. In den Märchen sind es meistens die Kinder, die die Aufschneider enttarnen. Aber es ist das Kindliche in uns, das pflegt, das liebevoll und voll Staunen der Welt entgegen tritt.