Lilium tigrinum
- Geschichten von Tigern und Lilien –
von der Kraft, die nicht sein darf oder von dem Lachen des Christus, wenn wir uns lieben.
Liebe ist die höchste aller Religionen (aus Effi Briest) – die höchste Arznei ist Liebe (Matthias Dorsci).
Immer wieder kommen Patienten in unsere Praxis, deren Hauptproblem die Liebe ist. Die seelische, aber auch die physische. Und sagt nicht Bert Hellinger, daß die seelische Liebe gerade im physischen Vollzug ihren tiefsten Ausdruck und ihre Erfüllung findet. Dies ist heute leider vielen Menschen verwehrt. In einer Zeit angeblicher sexueller Freiheit und Befreiung, in einer Zeit angeblich ohne Tabus, sind wir trotzdem noch Knechte von Vorstellungen, religiösen Dogmen und auch gerade heute von den Wahnideen sexueller Höchstleistungen. Dabei ist Liebe etwas, was uns inne wohnt, gesund, uns durchfließend, von den Göttern in uns hineingesungen (das freudige Zucken und Quieken eines Säuglings, der lustvoll an der Mutterbrust trinkt, ist ein Beispiel für diese Gesundheit, die wir wie von selbst mitbringen, vorausgesetzt, wir sind halbwegs freudig und lustvoll gezeugt worden). Aber Kirche und auch psychologische Wissenschaft hat unseren Zugang zu diesen natürlichen Strömen allzu oft versperrt und die frei fließende Liebe hinter Dogmen und angeblichen wissenschaftlichen Vorstellungen begraben.
Der alte Freud als Kind seiner Zeit definierte Potenz damit, daß man die Fähigkeit hat, den Geschlechtsverkehr zu vollziehen. Aber das hat mit einer lebendigen belebenden orgastischen Prozent überhaupt nichts zu tun! Also, Therapie, wie auch immer, muß heißen, erst einmal sämtliche Leistungsideen beiseite zu legen, auch so die Ideen, unbedingt etwas dafür tun zu müssen, daß es dem anderen gut geht. Sondern sie muß auf einer Basis ansetzen, wo wir dieser Lebenskraft wieder die Möglichkeit geben, in einem lebendigen, freien Körper fließen zu können.
Und wenn sich zwei orgonomisch (frei nach W. Reich: Orgon, die in uns fließende, das ganze Universum ausfüllende, alles erschaffende, und alles am Leben erhaltende Natur/-Lebenskraft) fließende Menschen wirklich begegnen, dann schaffen sie das auch ohne zehnjährige Tantra-Erfahrungen, freundlich und nett zueinander zu sein und sich gemeinsam orgastisch potent zu erleben.
Wenn diese Sexualität nicht fließen kann, entsteht das, was Reich eine Biopathie nennt. Eine Krankheit des Lebendigen. Und aus dieser Biopathie entsteht das, was Reich die emotionale Pest nennt. Pest, emotionale Pest, ist einer Geisteshaltung, ist eine Geistesausdünstung, die aus unterdrückten, verklemmten, gepanzerten, biopathischen Charakteren regelrecht ausdünstet. Und die nicht nur eine individuelle, sondern auch eine kollektiven Atmosphäre, pestillent verseuchen kann. Das Interessante ist, daß, wenn sich dann schon einmal irgend jemand aufmacht, um sich zu befreien und diese Biopathie zu überwinden - dann ist es gerade nicht so, daß die anderen die noch in der Biopathie verhangen sind zu dem sagen, wunderbar, daß es dir so toll geht, komm Kumpel, zeigt uns den Weg aus dem Elend. Sondern, nein, und gerade umgekehrt, sie werden ihn hassen, sie werden ihn verfolgen, und sie werden ihn morden. Weil er, der aus der Falle der Biopathie herausgegangen ist, sie an die Falle, in der sie sitzen, besonders schmerzhaft erinnert.
Und das erlebt jeder, der sich von Dogmen entfernt, der sich von Gesetzen, die unlebendig und unflexibel sind, entfernt. Und der sich schlichtweg in den Dienst des Lebendigen stellt. Er wird emotionale Pest entfachen, wo er auch nur hinsieht. Und er wird kraftvolle Krieger-Teilpersönlichkeiten brauchen, und hoffentlich liebevolle Gefährten, um diesen Weg weitergehen zu können.
Aber nichts desto Trotz, wir müssen das einfach wagen. Denn Reich hat sehr schön beschrieben, daß emotionale Pest mindestens so tödlich ist, wie Radioaktivität. Also die emotionale Pest ist das biopathische Pendant zur Radioaktivität.
Warum das alles? Worum erzähle ich das jetzt? Weil ich euch vielleicht ein Gefühl geben möchte, und euch vielleicht auch Mut und Freude geben möchte, euch vielleicht gerade auch mit diesen Forschungen auseinander zu setzen, die mir und meinen Mitstreitern in Berlin sehr geholfen haben, unsere Aufgabe, die wir als Homöopathen aber auch als Körper-Therapeuten und als Seelsorger haben, gerade auf diesem Sektor wirklich vielleicht deutlich genug zu erkennen.
Ich möchte heute nicht mit dem Arzneimittelbild beginnen, sondern mit einem Fall. Mit einem Fall einer Lilium tigrinum Patientin, die ich über mehrere Jahre behandeln durfte. Und der ich dann langfristig helfen durfte, ihre Biopathie zu überwinden, sprich wieder Kontakt zu ihrer Lebendigkeit zu kriegen.
Vorab möchte ich eine sehr schöne, lustige kleine Geschichte erzählen, die ich einmal mit Hans Jürgen Achtzehn erlebte, als wir durch den Tierarten gingen und uns über Lilium tigrinum unterhielten. Wir erzählten uns über das Mittel und über die innere Nonne und die innere Hure und hier und da und Fallbeispiele etc.... Und dann kamen wir in so eine kleine Abteilung des Tiergarten, die heißt Rosengarten. Wir kamen da rein und erstarrten fast, denn vor einem Denkmal eines mächtigen Hirsches stand ein Fotomodell, bis zum Bauchnabel im Nonnenornat, und unten ein Tiger-Slip! Wir glauben ja inzwischen an die Magie des Alltags. Hans Jürgen rannte dann irgendwie gleich zu ihr, denn er sollte auch demnächst einen Lilium tigrinum Vortrag halten, und er wollte irgendwie eine Diskussion mit ihr anfangen, ob sie irgend etwas über Lilium tigrinum weiß. Sie sagte dann irgendwie, komm, Junge mach es dir alleine, denn die konnte damit überhaupt nichts anfangen.
Es geht um eine Kollegin, eine Heilpraktikerin, die sich nichts zutraut. Soll es öfter geben! Sich trauen, sich etwas zutrauen hat ganz fundamental damit zu tun, daß man zu diesen lebendigen, lustvollen, sexuellen Energien auch einen Kontakt hat. Ein nicht biopathischer Mensch glaubt an sich und es ist nichts besonderes. An sich glauben ist eigentlich die Ordnung des Lebendigen. Alles andere ist die Unordnung.
Sie war nicht in Ordnung, sonst wäre sie nicht zu mir gekommen. Sie traute sich überhaupt nichts zu. Und das war ein Grund. Und relativ schnell in der Anamnese waren wir bei ihrem eigentlichen Hauptproblem, das sie mir von zwei immens starken Impulsen von sich erzählte. Einmal starke sexuelle Impulse, unendlich stark, Phantasien, die immer wieder in ihr aufkamen davon Prostituierte zu sein, sadomasochistische Phantasien. Andererseits starke religiöse Phantasien. Es war eine ausgesprochen spirituelle Frau. Aber diese religiösen Phantasien belebten nicht die sexuellen Phantasien, wie es denn sein könnte, sondern sie gaben diesen sexuellen Phantasien eher noch etwas negatives, abartiges, schmutziges. Die Konsequenz, die sie daraus zog, war ihre spirituellen Anstrengungen, ihre meditativen Anstrengungen um so mehr zu erhöhen in der Hoffnung, daß, wenn ich lange genug meditiere, wenn ich 85 mal das Herzsutra in der Stunde bete vielleicht irgend wann mal die sie - O-Ton Patientin - "perversen" Phantasien sie nicht mehr belästigen würden.
Sie hatte noch nie in ihrem Leben eine glückliche Beziehung gehabt, und hatte große Angst vor Männern. Weil sie die Angst hatte, wenn sie sich in eine Beziehung, besonders auch in eine sexuelle hinein begeben würde, sie sich völlig verlieren würde. Also sie spürte schon, was es für ein riesiges Potential in ihr geben würde. Aber sie hatte wahnsinnige Angst, daß, wenn sie sich in eine Beziehung hinein begibt, sie irgendwie völlig ausflippt, sie nur noch das Eine will und dann natürlich eine wahnsinnige Angst hat, von diesen Mann abhängig zu sein und dann von diesem Mann auch ausgenutzt zu werden.
Angst, bei jeder Annäherung. Zusätzlich starke Menses-Probleme, ganz starke Menses-Probleme. Was ich ganz stark spürte bei ihr, war ein Vulkan, war Kraft, war Erotik, war einfach Lebendigkeit pur. Aber ich spürte auch ihre wahnsinnige Angst davor.
Und da ich diese Angst vor meiner eigenen Lebendigkeit sehr gut kenne, und sich das erst mit Medorrhinum so halbwegs etwas gebessert hat, habe ich jetzt nicht, wie vielleicht vor einigen Jahren noch, irgendwie so drauf los gelegt: "Nun machen Sie doch mal. Nun holen Sie sich doch mal einen... " - sondern habe erst einmal ihre Angst vor ihrer Kraft sehr geachtet. (Es ist ja sowieso eine Erfahrung, mit der wir als Heiler leben müssen, besonders wenn wir halt einfach ein bißchen sensibel sind, daß wir bei dem Patienten, der da jammernd und frustriert in unsere Praxis kommt, vielleicht sehr schnell sein Potential sehen. Gerade als Lehrer ist das oft total deprimierend, wenn du siehst, was alles aus Leuten werden könnte, und wenn du siehst, wie sie ihre Begabung - von ihrer ganzen sulfurischen Faulheit getrieben - erbarmungslos zerhacken. Aber damit müssen wir halt leben, und wir können nur immer wieder mahnen und versuchen, in den Arm zu nehmen und über die wichtigsten Widersacher-Angriffe hinweg zu helfen.)
Bei ihr war diese Lust umgeben von einem Panzer von Angst. Und darum empfahl ich ihr (und sie konnte es sich zum Glück auch leisten und hatte auch Lust dazu) neben der homöopathischen Behandlung bei mir Leibtherapie zu machen. Die personelle Leibtherapie nach Dürckheim ist eine sehr sanfte, sehr vorsichtige Art von Körpertherapie, wo über manchmal auch kraftvolle, aber zum großen Teil doch sehr sanfte Berührung eine langsame Eröffnung dieser Panzersegmente erreicht wird. Und über das Berühren auch ein Kontakt zwischen Seele und Seele hergestellt werden kann, der so nach den 2 bis 3 Jahren, in denen ich das jetzt praktisch tue bei vielen Patienten eine sehr schöne Führung ermöglicht hat aus ihrem Dilemma heraus, die ich alleine mit Homöopathie (da bin ich mir sicher) nicht so erfolgreich sonst hätte leisten können.
Ein Phänomen, was man oft in der Leibtherapie hat bei solchen unterdrückten, kraftvollen sexuellen Energien, ist, daß die Beine und der Oberkörper sehr kühl sind, und daß, wenn du die Hände ans Becken legst, das Gefühl hast, du bekommst gleich Brandblasen. Also du spürst richtig im Becken diese brodelnde, kochende Energie, und Du spürst richtig, wie der restliche Körper versucht, diese Energie abzukapseln und diese Energie im Grunde unten zu halten. Und daß das natürlich zu heftigsten Menses-Problemen führt, kann man sich vorstellen!
Und (zum Glück habe ich gelernt, damit umzugehen) als ich sie berührte, erlebte auch ich sehr heftige sexuelle Impulse. Also ihre Sexualität, die da verbogen war, war so stark, daß jeder, der nur ein bißchen empfindsam war, sofort wußte, was bei ihr los ist. Was natürlich bei ihr dazu führte, daß sie ständig Angebote bekam, wo auch immer. Selbst im Selbstbedienungsladen von irgendwelchen Männern, auch wirklich sehr nette - sie aber sofort auf Abwehr ging aus der Angst, ich werde jetzt sofort wieder abhängig. Ihr könnt euch dieses Grunddilemma vorstellen!
Ich gab ihr dann über Jahre erst mal die ganzen Schüchternen: Silicea, Pulsatilla, etc. Dann gab ich ihr die für die strengen verbietenden Väter, denn so einen hat sie nämlich auch gehabt: Arsen. Dann gab ich ihr (da ich gerade selbst Medorrhinum genommen hatte, immer alle Menschen in ihr Glück und in ihre Lust hineinsprengen wollte) Medorrhinum. Medorrhinum-Therapeuten, die da noch nicht so gelöst sind, denken immer, jetzt machen wir den homöopathischen Dauerencounter, vier Wochen C 1000, drei mal täglich - und dann muß einfach Lebendigkeit eintreten! "Du mußt jetzt lebendig sein!" (Was natürlich völlig Schwachsinn ist, wenn ich in einen völlig verpanzerten, völlig ängstlichen, völlig biopathischen Organismus diese Shiva-Urtinktur Medorrhinum hinein puste, dann kann ich nur eines erreichen, daß dieser Mensch schlichtweg Angst kriegt, zu sterben, völlig zu verbrennen, zu platzen und dann seinen Panzer noch enger macht!)
Ich probierte Hyoscyamus. (Ihr seht, das sind so Mittel, mit denen ich mich so nach und nach beschäftigt habe... Bei meinen sehr alten Patienten kann man auch genau meine eigene Entwicklung nachvollziehen. Aber es scheint ganz gut zu funktionieren.) Bei ihr leider überhaupt nicht. Auch Hyoscyamus, womit ich versuchen wollte, ihre Schuldgefühle zu nehmen, wirkte nicht. Es passierte überhaupt nichts.
Der Wechsel zwischen Erregung und Schuldgefühlen wurde immer stärker. Erregung und Schuldgefühl. Wenn die Erregung stark kam, bekam sie solchen Schwindel, daß sie fast umfiel!
Ich versuchte dann auch mit meditativen Techniken sie irgendwie an diese Kraft heran zu bringen. Sie hatte zum Beispiel so typische Medorrhinum-Träume, daß ihr ihr innerer Zuhälter erschienen und zu ihr sagte, wenn du mich nicht heiratest, bringe ich dich um. Typisch. Oder eines Tages träumte sie von einem wunderbaren nackten jungen Mann, der immer vor ihr tanzte, und sie erwacht aus diesem Traum mit Schwindel! Dann habe ich zu ihr gesagt, gut, jetzt versuchen wir einmal, diesen Mann näher kommen zu lassen. Und habe gesagt, sie soll sich ihn vorstellen und soll versuchen, mit ihm zu sprechen und ihn ganz langsam immer näher an sich heran holen. Kaum war der auf drei Meter heran, wurde ihr schwindlig, in der Übung! Also auch nur andeutungsweise imaginative Übung mit dieser Kraft führte fast zu kollaptischen Zuständen.
Sie träumte von einem nackten Shiva unter Medorrhinum. Ich freute mich und sagte, wunderbar! Sie kam nach diesen Traum zwei Tage vor lauter niedrigen Blutdruck nicht aus dem Bett! Und ich mußte irgendwie mit Notfalltropfen dauerintervinieren, um sie irgendwo wieder hoch zu holen. Das Interessante war, der ihr gegenüber sehr strenge Vater war sexuell selbst sehr aktiv. (Darum hatte ich auch an Medorrhinum gedacht.)
Was aber nicht paßte, war die Mutter, die jetzt wiederum sehr fromm war. Also in ihr hatte sie jetzt ganz stark dieser sexuell überaktiven Vater und die fromme Mutter (Der Vater war auch Heilpraktiker, Mesmerist. Er ist ungefähr 72 Jahre alt und er hat eine Praxis. Ungefähr 90 Prozent seiner Patienten sind Damen zwischen 50 und 60! Und er ist einfach total erfolgreich. Total erfolgreich, er hat so eine - ich weiß nicht, ob ihr diese Zentrum X Massage kennt, Steißbein, Olivenöl, Salz - und da arbeitete er sich immer in die Aura der Patientinnen hinein...) Die Mutter war schon tot, sonst hätte das der Vater nie machen dürfen, und die Mutter war gestorben, nachdem sie Gebärmutter-Krebs hatte. (Eine Zeitlang war sie auch bei mir, und bekam dann von mir noch Homöopathie, aber sie starb schon vor vielen Jahren.)
Dann hatte meine Patientin mal den Traum, Schlangen fressen ihre Gebärmutter. Ich dachte, jetzt habe ich es endlich begriffen, jetzt ist es klar: Lachesis. Nichts, nichts.
Dann hatte sie einen Traum, in dem Schweine auftraten. Den hatte schon einmal eine andere Patientin von mir, die Krebs hatte. Und meine Patientin wußte im Traum, die Schweine sind schuld an dem Krebs ihrer Mutter. Da habe ich ihr noch einmal Hyoscyamus geben - hat auch nicht geholfen! Und ich wurde mit den Jahren immer unglücklicher. Ich kam zwar mit der Leibtherapie langsam voran, aber immer, wenn zum Beispiel (und das passiert manchmal in der Leibtherapie) du so eine Blockade gelöst hast mit einem Mal beim Patientin unwillkürliche Zitter-Bewegungen auftreten (was immer ein Zeichen für frei fließende Energie ist) dann wurde ihr sofort schwindlig.
Also, alles was du tatest, um ihre Energie fließen zu lassen, verursachte bei ihr Schwindel! Je gesünder man sie gemacht hat, so schwindliger wurde sie. Ich konnte ihr dafür keine Meditation mehr empfehlen, ich konnte ihr keine Shiva-Imagination mehr empfehlen - ich war richtig doll hilflos!
Was sie machte, und was sie gerne machte, war halt meditieren, Mantren singen. Aber selbst beim Beten bekam sie mit einem Mal Phantasien erotischer Natur von dem Pfarrer ihres Jugenddorfes. Was machte sie? Ihr wurde wieder schwindlig! Ich arbeitete zusammen (sprich, es sind auch Patientinnen von mir) mit zwei Tantra-Therapeutinnen, die zum Beispiel Frauen empfehlen, die solche Phantasien haben, Sexualität mit Menschen zu haben, mit denen sie es eigentlich nicht haben dürfen - Vater, Pfarrer, Lehrer, Therapeut - sich einfach regelmäßig und über einige Tage durch diese Phantasien hindurch zu masturbieren. Sich einfach diese Phantasien zulassen und dabei zu masturbieren und die Energie kommt dann langsam ins fließen. Und dann verschwinden auch diese Phantasien, mit Vater oder Pfarrer Sex machen zu wollen. So etwas hätte ich dieser Patientin nie erzählen dürfen, die hätte sofort einen Apoplex gekriegt! (Das Wort "Tantra" nur andeutungsweise ausgesprochen bereitete ihr Übelkeit.)
Wir sind dann mal immer wieder an dieses Problem heran gegangen und sind dann relativ schnell an die Idee gekommen, daß es in ihr eine Teilpersönlichkeit gab, die wir inzwischen wirklich nur noch "die Nonne" nannten, die ihr erzählte, wenn du Sexualität lebst, bist du verdammt. Leitsymptom, 4-wertig: wenn sie Sexualität lebt, ist sie verdammt - Lilium tigrinum. Generell war sie sehr fleißig, war sehr schüchtern, aber absolut gespalten. (Daß ich Lachesis ohne Erfolg begeben hatte, hatte ich schon gesagt.)
Es ist jetzt ungefähr drei Jahre her, seit ich so meine erste intensivere Kontakte mit Psychosynthese hatte und diese Ideen und diese Erfahrungen auch in meine Praxis einfließen ließ. So begann ich mit ihr Teilpersönlichkeits-Arbeit zu machen, wo wir uns eben genau mit diesen beiden Anteilen beschäftigten, die für Sie die beherrschenden Anteile ihrer Persönlichkeit waren. Nämlich mit der inneren Nonne und (vorsichtig ausgesprochen), mit der inneren Tantrikerin. Aber immer wieder erlebte sie, wenn sie sich beide imaginieren soll, daß die Nonne schreiend von der inneren Bühne rannte, und die Tantrikerin gar nichts Böses wollte sondern einfach nur dastand und völlig hilflos war, wie sie dieser armen Nonne einfach begreiflich machen konnte, daß sie ihr überhaupt nichts wollte.
Körperliche Symptome, die in der Zwischenzeit immer wieder auftraten, waren bearing down (als wenn der Uterus heraus tritt, was zu massiven Überkreuzen der Beine führte) - C 30 Sepia ohne Erfolg, starker Druck auf Vulva, immer wieder schlechtes Gewissen, und ganz schlechtes Gewissen natürlich vor mir. Weil ich mich so anstrengte, ihr zu helfen und sie so scheinbar unfähig schien, mit diesen therapeutischen Interventionen umzugehen.
Dann noch einmal ein heftiger Traum, der ähnlich war, wie der mit dem Zuhälter. Diesmal erschien ihr im Traum ein Riese mit einer riesigen Errektion, und sagte wieder zu ihr: „Ich warte schon so viele Jahre auf dich! Liebe mich! Oder ich werde sterben.“
Bei den Traum bekam ich dann schon erstmalig Angst. Ich dachte, wenn jetzt nicht bald etwas passiert, entwickelt sie wirklich ein Carcinom. Denn was da um Liebe schreit, die Angst ausdrückt, sterben zu müssen, sind natürlich diese inneren unterdrückten Teilpersönlichkeiten. Ich gab ihr noch mal Medorrhinum. Wieder ohne Wirkung.
Ich empfahl ihr, weil ich mich auch mit meiner Leibtherapie nicht mehr effizient empfand, sich an einen Primärtherapeuten zu wenden, mit dem ich zusammen arbeite. Bei dem kam sie sehr schnell auch vom inneren Erleben her an einen Punkt, dieses Sexverbotes durch ihre moralische Mutter. Und sie erzählte mir erstmalig, daß sie bis zu diesem Zeitpunkt (eine Frau Anfang dreißig!) noch nie, trotz heftiger Erregung, die immer wieder in ihr auf kam, masturbiert hatte. Sie hatte zwar in ihrem Leben schon mal sexuelle Kontakte mit Männern, in dem sie sich dann sich völlig verlierend erlebte, aber Hand an sich selber zu legen, (was wie Woody Allen mal so schön sagte, Sex ist mit dem einzigen Menschen, den ich wirklich liebe), war für sie nie ein Thema gewesen.
Jetzt trat ein, was ich befürchtet hatte: Sie kam von einer Vorsorgeuntersuchung, mit dem Ergebnis, daß sich ihr PAP negativ verändert hatte, und der Arzt ihr schon mal vorsichtig zu einer Conisation riet. Der Primärtherapeut gab ihr die Empfehlung anzufangen, sich selbst einmal täglich lustvoll zu massieren. Gar nicht die Anweisung zu masturbieren. Sondern einfach mal sich nicht so "huch" nach dem Duschen mal schnell einzureiben, sondern wirklich sich selbst einmal ihren Körper lustvoll zu massieren, bevor es irgend jemand anderes tun konnte. Aber selbst da trat wieder, wenn ist zu schön wurde, dieser Schwindel auf.
Sie fühlte sich wie zerrissen. Aber ich hatte es endlich kapiert und ich gab ihr Lilium tigrinum C 30, drei Tage und erlebte - nur Kollaps! Überhaupt kein Blutdruck mehr, Übelkeit, Erbrechen, nur noch liegen, mich verfluchen.
Der Primärtherapeut versuchte dann, stärker mit dem Atem zu arbeiten – auch hier nur Widerstand - nichts half. Ich probierte dann erst einmal Olive und Walnuß, Kraft und Durchbruch. Davon wurde es etwas besser.
Aber als es nach einer Woche keine Verbesserung zeigte, gab ich Lilium 200. Sofort viel Energie, aber großen Haß gegen sich selbst, Selbstmordgedanken – die Patientin wußte aber, es ist völlig irrational. Und in dieser Verzweiflung, oder aus dieser Verzweiflung heraus masturbierte sie das erste Mal. Und es tat ihr total gut und sie hatte kein schlechtes Gewissen!
Vier Wochen später: masturbieren macht Spaß, gibt Kraft! Viele sexuelle Träume, häufig. Bei schlechtem Gewissen, was natürlich immer noch auftrat, sofort Unterleibskrämpfe. (Es ist ganz interessant, bei Menstruationsstörungen wirklich mal nach dem schlechten Gewissen zu fragen.)
Was ganz stark bei ihr war, war der Minderwertigkeitskomplex. Und was auch interessant war, war daß ihre Menstruations-Krämpfe nicht unterhalb des Nabels waren, sondern in dem Dreieck oberhalb des Nabels bis zum Rippenbogen. (Ich habe so ein schönes Buch von Dietmar Krämer "Bachblüten und Reflexzonen am Körper" - da bekomme ich manchmal ein schönen Hinweis, welche Bachblüte zu welcher Reflexzone gehört.) Und das ist genau die Reflexzone für Larch. Ich empfehle manchmal zur Unterstützung, daß dann einfach mit der Blüte einzureiben. Damit habe ich gute Erfahrungen, und das habe ich auch bei ihr gemacht. Und es wurde sofort besser.
Leibtherapie ging weiter: Becken, Herz, Bauch. Primärarbeit ging weiter. Und wir versuchen, die alten Elementale zu exorzieren: wenn ich meine Sexualität lebe, bin ich schuldig und böse. Wir verwandelten die Elementale in: wenn ich meine Sexualität lebe, bin ich lebendig und gut! Wir gaben dem Kind Nährmeditation: Annehmen und Lust. Wir bearbeiteten den Glaubenssatz: Wenn ich meine Lust lebe, sterbe ich und bin verflucht, in: Wenn ich meine Lust lebe, werde ich leben und bin gesegnet.
Dann fing das letzte Jahr an. Der Zustand hatte sich wesentlich gebessert. Kraft war da, Menstruation war fast schmerzlos, Masturbation war lustvoll und schön, die Oberschenkel wurden warm, der Oberkörper wurde warm, die Hände und Füße waren noch ein bißchen kalt. Und, wie das so ist - meine Patienten müssen immer alles mitmachen, was ich mache (aber ich mache es immer zuerst, und dann erst die Patienten) - ich empfahl ihr natürlich, sie müsse jetzt unbedingt eine Familienaufstellung machen, das ist das A und O, und da müßten wir jetzt mal ran!
Sie fuhr zu einem Kollegen, der das macht, ich empfahl Ihr das. Und sie erlebte ihre Mutter, ihre fromme, von ihrer Sexualität abgeschnittene Mutter in ihrem ganzen Elend, in ihrer ganzen Beterei, in ihrer ganzen Teufelsangst, in ihrem später ja dann noch auftretenden Krebs. Und sie erlebte ihren inneren Glaubenssatz, ihre innere magische Formel: „Liebe Mami, ich verzichtete auf mein Glück für deine Liebe.“ Denn sie wußte als Kind, wenn sie diese Lebendigkeit, diesen anderen Teil, diesen Tiger, diese Hure leben würde, würde sie im Grunde nicht mehr geliebt werden. Und sie sagte zur Mutti: „Ich ehre dein Opfer, aber ich folge dir nicht nach sondern ich werde eine glückliche sexuell erfüllte Frau.“ Und sie stellte Gott auf (den kann man auch aufstellen.) Sie sagte zu Gott: „Ich will Dir mit meiner Sexualität eine Freude machen.“ Und Gott gab ihr den Segen für Ihre Liebe und ihre Sexualität.
Sie rieb weiter den Bauch mit Larch ein, hatte weniger Angst vor Männern - ihre Praxis wurde natürlich voller. (Es ist oft ein Trugschluß, wenn junge Heilpraktiker von einem Repertorisations-Seminar zum nächsten rennen, weil sie denken über die Anhäufung von Fakten ihre Praxis zu füllen. Die Praxis füllt sich primär durch euren Fortschritt zu Euch selbst und der Anhäufung von lebendiger Gesundheits-Energie! Also wenn ihr das nächste Jahr einplant, macht lieber einen Workshop für Eure eigene Entwicklung mehr und einen Workshop Repertorisation weniger. Da habt ihr für Eure Praxis wirklich mehr davon. Das Heilende zu 60, 70, 80 Prozent in eurer Arbeit seid ihr und euer innerer Fortschritt. Der Rest ist gutes Handwerk. Darum sehen wir ja im Grunde so viele Leute, die handwerklich perfekt sind, und trotzdem sitzen sie in Praxen, in denen vormittags keiner kommt, und nachmittags wird es ein bißchen ruhiger. Und das ist einfach frustrierend!)
Sie hatte Lust zu berühren - sie fing selbst an zu massieren. Gute Feedbacks von Patienten. Mit der Entwicklung ihrer eigenen sexuellen Energie (die kam jetzt langsam sogar schon mal in die Hände) fing sie jetzt an, zu mesmerisieren. (Hand auflegen, Reiki, Mesmerismus - das sind sexuelle Energien, mit denen wir in arbeiten, ob wir wollen oder nicht - die hatte sie mit einem Mal!) Kein Schwindel mehr bei Gedanken an Sex und kein Schwindel mehr bei ersten zarten Kontaktaufnahmen mit Männern.
Und es kam dann tatsächlich auch zu einer Begegnung mit einem Mann - der erste Mann seit Jahren! Wir verdoppelten sofort die Glaubenssatz-Arbeit. Täglich einen Rosenkranz, Freiheit und Hingabe, liebende Güte mit ihrem Gottesbild. Gott wurde sehr erotisch, sehr erregt. Und auch sie spürte Erregung in ihrer Begegnung mit diesem Mann / Vater / Gott - wieder schlechtes Gewissen. Wir hatten eine sehr schöne Begegnung, als ich ihr von einer Begegnung erzählte, die ich mit „Gott“ hatte in einer Trance, wo wir uns mit meinem Lehrer Zalman Schachter dem weiblichen Aspekt Gottes nähern sollten. In dieser Trance war Gott eine große kraftvolle Frau, der mich nackt auf einem Feld liegend fand. Erst rieb sie mich mit Sand ein und dann windelte sie mich in meinem Gebetsmantel und dann wiegte sie mich in ihren Armen. Und dann hatte ich das Gefühl, jetzt möchte ich eigentlich etwas mit ihr machen. Ich erschrak aber gleich, denn man kann doch nicht mit Gott vögeln! Dann erwachte ich aus meiner Trance und war ganz aufgeregt, erzählte das gleich meinem Lehrer und der klatschte sich auf die Oberschenkel und sagte: wunderbar, wunderbar! Als Moses der Shechina, also dem weiblichen Aspekt Gottes gegenüber stand, liebte er sie physisch.
Und ich erzählte ihr die Geschichten, warum die chassidischen Juden schuckeln beim Beten. (Es ist einmal der Begründer des Chassidismus gefragt worden, der Balshemtow, warum schuckelt ihr beim Beten? Er antwortete: „Ganz einfach - weil ich Gott liebe wie mein Weib mit jeder Faser meines Leibes. Und wenn ich meinem Weib beiwohne, schuckel ich zum Anfang. Darum muß ich auch schuckeln, wenn ich Gott beiwohne.“)
Das half ihr etwas zu erkennen, daß Gott und Sexualität nichts unterschiedliches sein sollte. Sie hatte in der darauf folgenden Nacht erstmalig einen Traum, einen sexuellen Kontakt mit ihren Vater zu haben. Sie hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen und sie erinnerte sich, daß in Ihrer Aufstellung, als sie neben ihrem Vater stand es ganz warm wurde. Also da war ganz viel Anziehung. Aber sie konnte jetzt sehr schnell erkennen, daß es völlig okay ist und daß das Bedürfnis eines jungen Mädchens nach sexuellem Kontakt auch zum Vater etwas völlig Legitimes ist. Wenn der Vater klar und in seiner eigenen Ordnung ist, darf das Mädchen so viel wünschen, wie es will - der Vater macht es nicht, das ist Gesetz und damit ist es ganz in Ordnung. (So wie sich jede Patientin zehnmal in ihren Therapeuten verlieben kann - wenn er ein klares Tabu hat, ist es wunderbar. Bloß er darf es nicht ausnutzen, das ist alles.) Die Patientin fand selbst den Satz für Ihren Vater. Ich machte mit ihr noch einmal ein Ritual, und ließ sie folgenden Satz sprechen: „Lieber Vater ich habe dich begehrt. Ich war damals noch ein Kind, ich war nur deine Tochter. Jetzt bin ich eine erwachsene Frau. Du gehörst zur Mutti. Und ich will meine Liebe und meine Lust ohne Angst den Männern schenken.“
Gleich danach zur Unterstützung des Satzes Lilium C1000. Erstes Rendezvous - viel Angst (gleich Argentum nitricum mitgegeben C 30). Es war schön, unkomplizierte, ein guter Mann. Die Praxis boomt - es kommen viele Leute mit sexuellen Problemen. Logisch! Sie wird oft ganz rot. Da sage ich, über überhaupt nicht schlimm, das ist ein Zeichen von Lebendigkeit. Wer nicht mehr rot wird, ist schon wieder verklemmt.
Vier Wochen später wieder Träume von Schuld, wieder Träume von Sex mit Vater - wieder ganz schlechtes Gewissen und wieder Stimme, die ihr Vorwürfe macht. Lilium C10.000.
Danach Erlösungstraum: Sie ist in der Kirche und macht mit dem Freund Sex in der Kirche. Sie bekommt dabei ein ganz schlechtes Gewissen - man macht in der Kirche keinen Sex! Sie guckt hoch zum Christus. (Es gibt zwei Versionen dieser Geschichte... Ich erzähle die vorsichtige:) Der Christus lachte. Seitdem ist alles gut.
Sie fängt selbst an, Leibarbeit zu praktizieren, spürt den Od in ihren Händen. Sie schenkt mir einen Band mit Liebeslyrik der Sufis. Gott ist für den Sufi der Geliebte. Der Geliebte, der Vater, die Frau, die Mutter. Der Sufi dreht sich in seinem Tanz in seiner Liebe zu Gott. Frei nach Balshem Tow:
Gott beiwohnen ist die höchste Form der liebenden Gottesbegegnung.
Teil aus dem Mühlheimer Seminar 1996.
Cassette erhältlich beim Verlag Homöopathie und Symbol,
Auf Anfrage Tel.: Martin Bomhardt, Nr. 857 29 674.