»Ein neu erkrankter Aufsteller pro Woche«
Klaus Rentel im Gespräch mit Andreas Krüger
erschienen in MULTIMIND 3-2004
Warum sind Heiler Ihrer Meinung nach besonders krankheitsgefährdet?
Das hat mehrere Gründe. Zunächst einmal sind Therapeuten besondere Menschen. Besonders heißt sensitiv und empathisch. Empfindsamkeit und Einfühlungsvermögen machen den guten Heiler aus. Große Therapeuten sind immer auch besonders sensitiv.
... und können sich nicht gut abgrenzen.
Und am Ende des Tages haben sie dann alle Krankheiten ihrer Patienten.
Wussten Sie, dass rund 80 % aller Krankheiten auf das Tragen für andere zurückgehen? Doch es ist nicht alleine das Thema Abgrenzung. Ein anderer, eher profaner Grund ist die Freude am Beruf, gepaart mit miserablem Zeitmanagement. Ich habe es endlich geschafft, mich auf meine wichtigsten Aufgaben, das Heilen und Lehren, zu konzentrieren. Organisatorisches und Administratives erledigen andere für mich.
Bleibt die Freude am Beruf.
Die nicht ganz ungefährlich ist. Erfolgreiche Arbeit macht Spaß und gibt Auftrieb. Irgendwann zählt man seine Arbeitsstunden zusammen und kommt auf jährlich 26 Seminar-Wochenenden, 30 Wochenstunden Praxis und 25 Wochenstunden Lehrtätigkeit. Andere Therapeuten bringen es auf noch mehr und erledigen zusätzlich die Steuererklärung, pflegen selbst den Internetauftritt oder organisieren ihre Seminare. Jahrelang übersehen sie ihr Workaholic-Syndrom, bis sie plötzlich ausgebrannt auf der Nase liegen und jahrelang nicht mehr hoch kommen. Das ist die Schattenseite der Freude am Arbeiten. Bei Tätigkeiten wie dem Kartoffelschälen wäre ihnen das nicht passiert. Apropos Kartoffeln: Allzu häufig zeigt sich dieser Mangel an eigenfürsorglicher Kompetenz auch bei grundlegenden Themen wie Ernährung und Bewegung.
Andreas Krüger nennt drei Heilertypen, die für Burn-Out und andere Krankheiten prädestiniert sind:
A ist Workaholic und hat schlichtweg Spaß an seiner Arbeit. So merkt er nicht, wenn er sich selbst ausbeutet.
B hat das Muster, sich selbst aufzuopfern, kann niemanden wegschicken, der Hilfe braucht. B hat schnell volle Praxen und ist genauso schnell krank.
C muss die laufenden Kosten für Familie, Räume, Altersversorgung, Urlaub decken. Existenzangst ist der Hauptantrieb.
Was macht den Beruf denn so faszinierend, dass man m dafür krank wird?
Es ist ein schönes Gefühl, Patienten dabei zu helfen, Krankheiten zu heilen, Probleme zu lösen, die Persönlichkeit zu entwickeln. Ich glaube jedoch, das Problem vieler Heiler ist, dass sie sich selbst ein wenig für unsterblich halten. Sie sind mit ihrer Arbeit glücklich, sie nehmen selbst an Therapien teil. Hinzu kommen regelmäßige Supervisionen, die Fähigkeit, sich selbst zu kontrollieren. Dann ist da der Ansatz der lösungsorientierten Verfahren von wegen „Ich schaffe das schon". Da liegt der Fokus eher auf Freude und Fülle, auf „richtigem" Denken und Triggern als auf Bewusstsein sich und den berufstypischen Gefahren gegenüber.
Nennen Sie uns ein Beispiel.
Davon gibt es leider viele. Sechs meiner zwölf engsten Heilerfreunde im Alter zwischen 45 und 55 Jahren sind in jüngster Vergangenheit gestorben oder schwerst erkrankt. Ihnen gemeinsam ist, dass sie begeisterte und sehr erfolgreiche Ärzte, Heilpraktiker, Psychotherapeuten mit astronomisch hohen Wochenarbeitszeiten waren oder sind. Das sind Ausfälle wie in einer Kriegsgeneration.
Dabei sollten gerade Therapeuten wissen, wie wichtig die Balance aus Belastung und Ruhezeiten und das Achten auf das eigene Wohlbefinden sind.
Zumal die meisten von ihnen den Heilberuf erlernt haben, nachdem sie selbst schwere Krankheiten durchlebt haben. Das trifft auf gut drei Viertel unserer Schüler zu. Ich selbst hatte von meinem fünften bis 25. Lebensjahr chronische Migräne, gegen die auch die stärksten Medikamente nichts ausrichten konnten. Erst ein homöopathisches Mittel brachte die Heilung - und letztlich mich dazu, den Beruf des Heilpraktikers zu erlernen.
Als Aus- und Weiterbildungsanbieter von Heilern gehören viele ehemalige Schüler, aber auch Ärzte und Psychotherapeuten zu Ihren Patienten. Was raten Sie denen?
Unsere Schüler, die wie viele gestandene Therapeuten dazu neigen, knapp unter der Decke zu schweben, lernen, wie sie sich schützen können. Dazu gehören Übungen aus dem Qi Gong, eine wunderbare Methode, um sich zu erden. Dazu gehören auch Feldenkrais, die Solar-Plexus-Atmung, mantrisches Singen zur Reinigung, Elemente aus der Heileurythmie, Visualisierungsübungen. Darüber hinaus sollte man seine Suchtgifte auf ein Minimum reduzieren und sich sportlich betätigen.
Setzen die das auch um?
Wir empfehlen ihnen, das täglich zu tun. Allerdings üben meist nur diejenigen regelmäßig, die kaum Patienten haben.
Gesundheitsvorsorge kostet Zeit und Geld.
Eine Krebserkrankung ist teurer.
Warum wird das Thema Selbstverantwortung dann so auf die leichte Schulter genommen?
(zuckt mit der Schulter) Man ist sich vieler Dinge nicht bewusst. Zum Beispiel die Familiensteller. Seit einem halben Jahr kommt im Schnitt ein erkrankter Aufsteller pro Woche als neuer Patient in meine Praxis. Die Häufung von Erkrankungen dieses Personenkreises nehme nicht nur ich wahr. Schon seit einiger Zeit machen wir uns darüber Gedanken, und hier betreten wir die energetische Ebene der Gründe für das körperliche Leid der Therapeuten.
Erst war auch ich Anhänger der allgemein vertretenen Ansicht, der Aufsteller sei lediglich der Gastgeber, der die Regeln kennt und beim Prozess mehr oder weniger draußen ist, abgesehen von ein paar Positionsänderungen, Ritualen und Sätzen, die er den Beteiligten anbietet. Es ist das Feld, das die gute Lösung entstehen lässt, basta. Und wenn sich am Ende des Seminares viel zum Guten gewendet hat, macht dir das ein gutes Gefühl. Wenn dir dann ein kompetenter Mensch das Feedback gibt, dass dein Energiekörper nach einer solchen Arbeit in einem völlig desolaten Zustand ist, willst du es erst einmal nicht wahrhaben.
Weil man was übersehen hat?
Wer den Energiekörper eines Menschen wahrnehmen kann, stellt fest, dass bei den Aufstellungen die Stellvertreter und besonders der Aufstellungsleiter mit fremder Energie aufgeladen werden. Wir haben nach Aufstellungen kinesiologisch getestet und herausgefunden, dass trotz der üblichen oberflächlichen „Entrollungsrituale" über 90 Prozent des Feldes nicht frei waren.
Das hat eine gewisse Komik, schließlich geht es in Aufstellungen für die aufstellenden Personen doch oft auch darum, übernommenes Fremdes an seinen Besitzer zurückzugeben.
Indianische Schamanen wissen um das Phänomen der energetischen Übertragung in der Therapie und haben über Jahrhunderte ihre Rituale für den gesunden Umgang damit entwickelt. Sie gehen in die Schwitzhütte, beten, räuchern, ihren Magen- und Darmreinigungen durch, haben ihre Krafttiere und so weiter. Nach unseren Erfahrungen haben wir besondere Entrollungsrituale und -programme entwickelt, und wir legen Wert darauf, dass der Energiekörpcr der Aufstellungsleiter regelmäßig untersucht wird. Familiensteller sollten sich regelmäßig kinesiologisch oder anderweitig balancieren lassen - ähnlich wie das die Schamanen der Naturvölker tun. Denn die Arbeit der Aufsteller ist wie bei vielen anderen Therapieformen, auch dem NLP-ler, der Hypnose, schamanisch. Da hilft es wenig, wenn Begriffe wie „Neurolinguistisches Programmieren" oder systemisch" Wissenschaftlichkeit und Rationalität suggerieren.
NLP-Anwender, auch Hypno-Therapeuten, Mediatoren und andere Gesundheits- und Beziehungsarbeiter glauben, sie arbeiten lediglich an der Form. Sie lernen in ihren Ausbildungen, dass sie lediglich den Prozess strukturieren, der Inhalt jedoch alleine beim Klienten bleibt.
Wenn sie sich da mal nichts einreden. Bert Hellinger sagt, Heilung kommt von außen. Der Therapeut ist mehr Handelnder, ist involvierter, angestrengter, besetzter als er denkt. In gewisser Weise leiht er dem Patienten oder Klienten, energetisch gesehen, sein System, mehrmals täglich, wenn er von kranken oder leidenden Menschen um Rat und Hilfe gebeten wird. Damit wird sein System von ihren Energien und Gefühlen belastet, und es muss regelmäßig gereinigt werden. Irgendwann sind seine physischen und seelischen Kapazitäten sonst erschöpft, und es ist die Krankheit, die für ihn die Grenzen zieht.
Es sei denn, er wird Schamane.
Wie das Prinzip der Aufstellungen wurden in der Tat viele Techniken des NLP dem Schamanismus entnommen. Die Zeitlinie etwa ist ein uraltes Modell der Lakotas, dem massiv in die Zeit eingegriffen wird. Das Problem dass wir die Techniken aus dem Kontext ihrer schützenenergetischen Rückbindung, der religio, heraus genommen und entmystifiziert haben. Das ist gefährlich. Solche Arbeit ist angewandte Magie und findet weitgehend ohne Kenntnis der Grundlagen statt. Ausbilder lehren alleine die Technik, das Sichtbare, und lassen dabei das Unsichtbare, magischen Aspekte außen vor.
Die gelten nicht als wissenschaftlich.
Gehören aber dazu. Der Schamane ist nicht umsonst ein täglich Betender, einer, der sich körperlich, geistig und lisch tagelang auf Heilungen vorbereitet, der energetische Hygiene übt. Einfühlsame Therapeuten sind auch Schamanen, und wenn sie diese Tatsache negieren, sich nicht darauf einstellen, zahlen sie möglicherweise einen hohen Preis.
Also mehr Trommeln in NLP- und Hypnose-Kursen?
AK: In der Tat sollten Ausbildungen in NLP, Hypnose, Gestalttherapie etc. ein bis zwei Module besitzen, wo es um energetischen Heilerschutz geht, wie immer der aussieht. Methoden wie das Qi Gong können eine Menge bewirken.
Über den Autor: Klaus Rentel (info@klausrentel.de) ist Journalist, Trainer und Coach
Lütticher Str. 5
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