HYPERICUM

oder: Der Kopf des Johannes

oder: Eine verrückte, aber heilsame Geschichte

 

Herr K. war seit mehreren Jahren bei mir in Behandlung. Von seiner 20jährigen Migräne hatte ich ihn gut und schnell mit Glonoinum, Leibtherapie und Bioenergetik heilen können. Was aus dieser Zeit aber übrig blieb und sich als völlig therapieresistent darstellte, war ein HWS-Syndrom mit Nackensteifigkeit, immer wieder auftretendem Schiefhals und starker Bewegungseinschränkung. Langjährige chiropraktische Interventionen hatten nur kurzfristig geholfen und außer einem jetzt chron. Knacken der HWS keine bleibenden Ergebnisse erzielt. Auch intensivste neuraltherapeutische und akupunkturmäßige Interventionen hatten bei ihm versagt. Auch ich hatte begonnen, meine Hilflosigkeit zu akzeptieren und diverse Versuche mit mindestens einem Duzend verschiedener homöopathischer Arzneien waren erfolglos geblieben. In diesem Zustand großer Frustration ging Herr K. zu einem amerikanischen Heiler, der offenbar hellsichtig, tiefsitzende Blockaden aus früheren Leben aufspüren konnte und diese durch Sätze ("Ich lasse...los"), die er die Patienten sprechen ließ, angeblich heilen konnte. Bei diesem Patienten berührte der hellsichtige Heiler sofort seinen Nacken und sagte: "Das ist deine Schwachstelle." Er berichtete dem Patienten, daß er sehen würde, daß er, der Patient, in einem früheren Leben enthauptet worden sei und er seinen Kopf auf einem Teller liegend sehen könnte. Auf die Frage, wer er denn damals gewesen sei, erhielt mein Patient von dem Heiler die Antwort: "Johannes der Täufer." Ich, sonst immer allen Zufällen, die mir zufallen, offen gegenüber, war in diesem Falle, ich muß es zugeben, sehr skeptisch. Da mir keine homöopathische Idee kam, fragte ich meinen Lehrer, ob ihm etwas einfallen würde zu Nackenschmerzen in Verbindung mit der Wahnidee: Ist enthauptet worden. Und spontan (guten Lehrern fällt immer was ein) antwortete er mir: "Enthauptung bedeutet Durchtrennung von Nerven - Nervenverletzung - gib' ihm Hypericum.") Skeptisch aber folgsam, verordnete ich meinem Patienten C 1000 / C 10.000 kumulativ (ist ja ungefähr 2000 Jahre her). Und, was ich bis heute fast immer noch nicht richtig glauben kann, nach kurzer Verschlimmerung, verschwanden die Beschwerden meines Patienten spontan. Mein Patient, der keine Ahnung von Homöopathie hatte, träumte: Er sei in einem Land, das fast ausschließlich aus Wüste besteht, und sah Mönchen bei ihrer Arbeit zu (man nimmt an, daß Johannes der Täufer Mitglieder der Gemeinschaft der Essener war). Immer noch skeptisch und ungläubig, ging ich zur Johanni-Feier meiner Tochter, die eine Waldorf-Schule besucht. Hier wurde ein Schauspiel aufgeführt, wo es darum ging, daß ein Kind für seine schwerkranke Mutter Johanniskraut suchen mußte in der Johanni-Nacht, um damit die Mutter heilen zu können. Da ich wußte, daß unser Hypericum auf Deutsch den Namen Johanniskraut trägt, fragte ich den neben mir sitzenden Mit-Waldorf-Vater, um welchen Johannes es denn beim Johanni-Fest gehen würde, und er antwortete mir: Um Johannes den Täufer. Wie auch immer, der Nacken meines Patienten ist heil und Johannes den Täufer mit Johanniskraut zu heilen, ist wirklich ein Akt systemisch wirkender Homöopathie. Den Mut und die Assoziationskraft meines Lehrers zu reiner phänomenologischer Betrachtung bewundernd, möchte ich Euch, liebe Leser, diesen verrückten Fall ans Herz legen.

 

Springe durch's Feuer und werde ein Neuer!

 

Lied zu Johanni, mit dem die Kinder durch's Johanni-Feuer springen.

 

 

QUELLEN:

 

Martin BOMHARDT:           Symbolische Materia mecida

                                     Symbolisches Repertorium

Sonja BECKER:                 Boller Homöopathie-Woche