Heiler werden - Heiler sein

 

Andreas Krüger ist Leiter der Samuel-Hahnemann-Schule und praktiziert als Heilpraktiker. In einem Interview mit Haidrun Schäfer für die KGS spricht er über sein Verständnis von “Heiler-Sein” und “Heiler werden”, über das Erinnern und die verschiedenen Seelenanteile wie den “inneren Nazi” oder den “inneren Alexis Sorbas”.


KGS: 
So wie ich Ihre Idee verstanden habe, gehen Sie davon aus, dass das menschliche Tagesbewusstsein - das kleine Ich oder Ego - nur einen sehr geringen Teil eines großen Ozeans ausmacht, der alle Bereiche unseres menschlichen Seins beinhaltet. Dieser Ozean findet in unserer hiesigen Lebensform wenig Beachtung. Unser Leben wird hauptsächlich von dem Tagesbewusstsein bestimmt. Ihre Idee beinhaltet, dass dieser Ozean in sich das Verlangen hat, von uns begriffen zu werden. Er beinhaltet die Autodynamik, erkannt zu werden. Die Aufforderung zur Selbsterkenntnis “Erkenne Dich selbst” enthält die Komponente “Erinnere Dich”. Was verbirgt sich hinter der Idee des “Sich Erinnerns” und welche Rolle übernimmt der Heiler?


Andreas Krüger: 
Der Heiler weiß, dass es seine einzige Aufgabe ist, dem Patienten zu helfen, sich zu erinnern. Dieses Erinnern hat unterschiedliche Stufen. Die höchste Form des Erinnerns ist die zu realisieren, dass man mit allem verbunden ist, dass man als isoliertes Ich gar nicht existiert, sondern dass man Teil von einem Ganzen ist. Satsang sagt, dass unser Problem darin besteht, nicht zu erkennen, dass wir ungeteilt sind. Wenn man zu der Erkenntnis gelangt, fallen die Probleme mehr oder weniger von uns ab. Die Schwierigkeit besteht darin, dass man es erfahren haben muss, um dieses Gefühl zu erinnern. Ich erfahre nicht ständig, dass ich mit allem vereint bin, ich erlebe mich oft noch isoliert. Ich habe es zwar schon mal erlebt, aber normalerweise erlebe ich mich als individuelles Ego. Große Satsanglehrer wie Ramana Maharschi können das vielleicht. Das ist das große Erinnern. Es gibt auch noch kleinere Erinnerungen. Wir gehen davon aus, dass wir nicht nur ein kleines Ich haben, sondern dass wir aus ganz vielen Seelenanteilen bestehen. Wenn ein Kind auf diese Welt kommt, hat es meistens noch Zugang zu den ganzen inneren Personen: Es ist Peter Pan, ein Zwerg oder Napoleon. Mit den Zeiten des Erzogenwerdens vergessen wir ganz viel davon und sind oft nur noch eine Person, die was schaffen und erreichen will. 


Sie sind “Heil”praktiker und das Thema Ihrer Schule ist “Heiler werden”. Was mich interessiert ist, wie jemand zu einem Heiler wird?


Einen Heiler ohne Macke gibt es nicht. Denn ohne Macke würde ich nie merken, dass das Thema “Vergessen - Krankwerden - Erinnern - Gesundwerden” Thema ist. Ich hatte 20 Jahre lang - von 5 bis 24 - Migräne und ich habe mich 20 Jahre lang weder mit meiner Mutter noch mit anderen weiblichen Personen gestritten. Meinen bösen Jungen habe ich weggesperrt, weil mein Vater immer so böse war und weil meine Mutter immer zu mir gesagt hat: “Du bist ein guter Junge, du bist nicht wie dein Vater”, und ich gesagt habe: “Ja Mama, ich bin ein guter Junge.” Mein Nachttisch sah so aus, dass auf ihm oben sichtbar Alice Schwarzer lag, dann kam Simone de Beauvoir “Le deuxième sexe” und dann kam ganz unten die Napoleon-Biographie, denn die durfte keiner sehen. Ein Homöopath konnte helfen, nachdem Akupunktur, Neuraltherapie, anthroposophische Medizin nicht helfen konnten - wenn anthroposophische Medizin geholfen hätte, würden wir uns heute darüber unterhalten. Ein Heiler wird zum Heiler in der Methode, die er heilend erlebt hat. Heiler wird man durch ein initiatisches Heilerlebnis. Die Initiation des Heilers ist sein Heil-Werden. Darum muss man krank sein, um Heiler zu werden. Es gibt keine Schamanen, die nicht mal krank waren. Ich kann nur soweit meinen Patienten vorangehen, wie ich selbst in meiner Erinnerungsarbeit gegangen bin. Mein Homöopath hat mir damals Dynamit gegeben und hat gesagt: “Damit Sie sich die Bomben nicht mehr im Kopf zünden müssen, die Sie nicht im normalen Leben zünden.” Und er hat mir zusätzlich zu bioenergetischer Therapie geraten. Das war wichtig, denn ich war auf einmal richtig wütend und durch die bioenergetische Therapie hatte ich einen behüteten Raum, wo ich zweimal in der Woche die Wut loswerden konnte. So habe ich eine meiner unangenehmen Teilpersönlichkeiten kennen gelernt, die ja nicht nur unangenehm ist - selbst die bösesten Teilpersönlichkeiten werden, wenn wir sie küssen, zu Prinzen und Prinzessinnen. Mein Lehrer, der Systemlehrer Mathias Varga von Kibed, sagt immer: “Böses ist immer nur nicht geehrtes Gutes.” Selbst der innere Massenmörder, den viele haben, der verwandelt sich, wenn ich ihn nicht mehr unterdrücke, sondern wenn ich ihn annehme. Der Psychosynthetiker Roberto Assagioli war der erste, der sagte: “Wir sind viele.” Die Psychosynthese arbeitet mit verbalen Therapien, wir mit Kügelchen und Aufstellungen, und es geht immer um das Annehmen. Mit jeder Arzneimittelprüfung, die ich bei mir mache und die bei mir wirkt - und sie kann nur dann wirken, wenn es in mir eine Resonanz zu diesem Stoff gibt - lerne ich jemand Neuen kennen. 
Die Trancen dienen dazu, dass der Schüler, soweit er eine Resonanz hat, auch ohne Arzneimittelprüfung einfach mit einem Thema konfrontiert wird, was einer ganz bestimmten Person entspricht, und wenn er dem inneren Massenmörder begegnet. 


Können Sie das an einem Beispiel konkretisieren?


Ich war immer ein friedlicher Mensch, aber ich habe eins schon immer gehasst: Nazis. In unserer Theorie sind alle leidenschaftlichen Gefühle Resonanzhinweise. Ich hasse nichts, was ich nicht habe. Nach der Wende habe ich eine ganz fiese Selbstverteidigungstechnik gelernt, um die Möglichkeit zu haben, mal einen richtig platt zu machen. In dieser Zeit nahm ich an einem Seminar mit dem Thema “Den Schatten umarmen” teil. Wir wurden gefragt, welche Patienten wir nie behandeln würden. In der darauf folgenden Trance habe ich deutlich die Glatze mit Springerstiefeln und Lederjacke gesehen. Auf die Frage nach der Trance, was ich mit dem machen würde, wollte ich den internieren, zwangsbehandeln und ihn zwingen, sich die Haare lang wachsen zu lassen, möglichst zu Zöpfen gebunden. 
Der Therapeut sagte mir damals, dass es gut wäre, wenn ich jeden Tag mal 10 Minuten liebende Güte mit meinem Neonazi machen würde. Zu dieser Zeit habe ich ein Mittel aus Rottweilermilch geprüft: klassischer deutscher Hund, sehr stark, sehr führerorientiert - wenn die keine klaren Führer haben, werden sie zu Monstern. Dieses Mittel habe ich genommen und sah mich mit diesen Themen konfrontiert. Adolf heißt übersetzt “atta ulf” - Vater der Wölfe - und die ganzen faschistischen Organisationen bedienen sich viel dieser Hunde- und Wolfsproblematik. Auf einmal habe ich mich erinnert, dass in meiner Familie nicht alles gute Kommunisten waren, sondern dass ich einen Onkel mit einer NSDAP-Parteinummer unter 100 hatte, der war Reichspropagandaredner. Nun musste ich eines Tages zu meinem Onkel sagen: “Ich gebe dir die Ehre, und auch du gehörst zu mir.” 
Zwei Tage später klingelte es an der Tür, und die erste Glatze stand vor mir und wollte behandelt werden. Ich hatte vorher in 15 Jahren noch nicht eine Glatze behandelt. Aber jetzt konnte ich mich mit dem unterhalten und wusste auch den richtigen Ton: “Setzen Sie sich mal hin! Wie heißen Sie denn? Was sind Ihre Probleme?” Mein geistiger Lehrer ist ein chassidischer Rabbiner - der Chassidismus ist die mystische Form des Judentums - und sein Bild steht auf meinem Schreibtisch und am Ende der Anamnese sah die Glatze meinen Lehrer und fragte: “Wat is'n dit für ener?” - “Das ist mein Lehrer.” - “Ach so.” (Lehrer versteht er.) “Aber wat is'n dit für ener?” - “Das ist ein judischer Rabiner.” - “Wat, Sie ham'n Juden uff Ihrm Tisch?” “Ja. Ist das ein Problem?” - “Nee, nee. - Ham'se von dem viel jelernt?” - “Ja, ich habe sehr viel von ihm gelernt.” - “Na, dann muss er ja in Ordnung sein.” Dieser junge Mann hatte eine für Neonazis ganz typische Entwicklung, wie ich später im Vergleich mit anderen Anamnesen feststellen konnte: vaterlos, dominante Mutter, Mutter hat den Vater niedergemacht, der durfte sein Leben lang nicht im Stehen pinkeln (nur kranke Rüden pinkeln im Sitzen). Irgendwann ist er an so eine Gruppe gekommen: “Und wir Deutschen!” ... Papa! Ich habe ihm Lacaninum (Rottweilermilch) gegeben und die Empfehlung, er solle Baseball spielen. Baseball ist - homöopathisch gedacht - das Spiel für Neonazis. Neonazis lieben Baseballschläger, und wenn sie spielen, haben sie einen Trainer - einen guten Führer - sie haben eine gute Mannschaft, Mädels finden sie toll und - es ist ein Hundespiel: Der, der den Ball am weitesten schlägt und den Ball am schnellsten fängt, der ist der Beste. Seitdem habe ich meinen vierten Neonazi in der Praxis, und seitdem weiß ich, dass Faschismus eine Krankheit ist und kein politisches Problem. Ich hätte dem nicht helfen können, wenn ich nicht meinen inneren Reichspropagandaredner angenommen hätte. Ich kann als Heiler niemanden heilen, den ich eigentlich erschießen will. 


Die homöopathischen Sonntage der Samuel-Hahnemann-Schule sind offen für jeden, d.h. nicht nur für Schüler oder Menschen, die sich mit Homöopathie beschäftigen. Sie sind dazu gedacht, Teile aus dem großen Ozean in unser Tagesbewusstsein aufzunehmen. Was passiert da genauer?


Beim homöopathischen Sonntag stellen wir ein homöopathisches Mittel auf den unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen dar. Wir erzählen über das Mittel und füttern den Verstand mit Informationen. Dann machen wir eine Seelenreise oder Trance, wo wir den Lernenden die Möglichkeit geben, der Person, die für ein Mittel steht, zu begegnen. Wenn er offen ist, begegnet er in sich während der Trance diesem Aspekt seiner Seele, für den das Mittel steht. Homöopathische Mittel sind Erinnerer und sie sind Fütterer, sie füttern diesen Anteil, wenn wir uns an ihn erinnert haben. Zum Beispiel Mederinum, Trance zum inneren Alexis Sorbas: Wer mit diesem Thema gut bei einander ist, der kommt in eine griechische Taverne und tanzt und säuft. Wer nicht heil ist, der hat in seiner Trance auf einmal eine Situation, in der er als Kind in seinem Zimmer sitzt und wo die Mutter über ihm steht und zu ihm sagt: “Du wirst nicht wie dein Vater, der ständig um die Häuser zieht und sich besäuft.” In der Trance wird er ganz verängstigt und hört aus dem Keller ein Stöhnen. Er geht runter und findet in einem Verlies seinen Alexis Sorbas, und am Gesicht erkennt er seinen Vater. Menschen, die so etwas erleben, lege ich sehr nahe, sich auf den Weg zu machen und zu gucken: Wie kriege ich meinen Alexis Sorbas aus dem Keller? 


Und wie kriegt er ihn aus dem Keller?


Es gibt ein Gesetz in unserer Arbeit: Wenn wir unsere Tafelrunde als ein Energiepool sehen und wenn wir mit allen Rittern einen guten Kontakt haben - alles darf sein, alles ist genommen, alles ist gesund - besitzen wir 100% unserer Energie. Dann sind wir frei. Wenn wir frei sind, können wir alles machen, aber wir können auch alles lassen. Bei der Astrologie sitzen bei der Tafelrunde 12 Personen, die unterschiedlich kräftig sind. Ich bin z.B. Doppel-Krebs, alle meine Planeten sind im Fische-Haus und meine Krebs-Sonne im Fische-Haus hat eine Jupiter-Konjunktion. D.h. der Alexis Sorbas meiner Seele ist unwahrscheinlich stark. Mindestens 30% meiner Seele wird von dem Alexis Sorbas eingenommen. Meine innere Heidi - Pulsatilla-Anteil - hat auch 20%. Es gibt also dominierende und weniger dominierende Teilpersönlichkeiten. Der Zen-Meister meiner Seele ist ganz klein, vielleicht 5% - den merke ich daran, dass das Chaos auf meinem Schreibtisch rechtwinklig ist. Wenn jetzt mein großer Alexis Sorbas Anteil von meiner Mutter verurteilt wird, muss ich ihn verdrängen. Die Verdrängungsformel besagt, die Energie, die ich brauche, um meine Teilpersönlichkeit zu verdrängen, muss ein wenig größer sein als die Energie meiner Teilpersönlichkeit. D.h. wenn ich die 30% verdrängen will, brauche ich 31% meiner restlichen Lebensenergie, um den zu verdrängen. D.h. ich lebe mit noch 39% meiner restlichen Lebensenergie. Ein Patient kommt in meine Praxis, ist immer müde, immer schlapp, nichts klappt in seinem Leben, lebt mit 45 Jahren immer noch von Sozialhilfe etc. Das erste, worauf ich hinweise ist, dass es scheinbar etwas Starkes in seinem Leben gibt, das er unterdrückt. Schwäche ist meistens Folge davon, dass etwas nicht sein darf. Erinnern bedeutet jetzt, ich gebe dem Medorrhinum, und der träumt von einem Gorilla, der eingesperrt war. Und dann kommt die Mutter und sagt: “Der verschwindet hier.” Aber jetzt baut er sich auf und sagt: “Der bleibt. Das ist mein bester Freund!”


Was sind die Schwerpunkte der Samuel-Hahnemann-Schule?


Die vier Säulen der Homöopathie an der SHS sind: Lebendiges Arzneimittelbild, Trance, Familienaufstellung (Ikonen der Seele: in die Familienbilder werden homöopathische Mittel gestellt) und Arzneimittelprüfung bzw. -begegnung. Ein Therapeut muss das Thema kennen und auch, wie es sich anfühlt, wenn der Teil unterdrückt wird. Immermann's Merlin sagt: “Nur die Hand, die von Leiden zuckt, kann Leiden heilen.” Ich würde sagen: “Nur die Hand, die vor Leiden zuckte, kann Leiden heilen.”


Herzlichen Dank für das Gespräch.

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