Ich liebe dich, mein heilend Lied...
Bilanz einer 15-jährigen Gesprächsrunde zwischen Andreas Krüger und Marion Rausch...
Anlässlich des fünfzigsten Geburtstages von Andreas Krüger
Rausch:
Erinnerst Du Dich noch an unser erstes Interview, es war im Juli 1990? Du warst gerade 33, ich 41Jahre alt; wir saßen auf dem Sender von „Radio DDR“, das es damals noch gab. Ich war noch Journalistin beim Radio der DDR, Du ein damals schon erfolgreicher Heilpraktiker im ehemaligen Westberlin, und Schulleiter einer Heilpraktikerschule mit dem Namen „Samuel Hahnemann“. Diese erste Sendung existiert nicht mehr, so wie der Rundfunk der DDR nicht mehr existiert. Aber dafür habe ich unsere 2te Sendung gerettet. Die lief am 30. Mai 1991, vor über 14 Jahren, es war um Mitternacht, wir klärten die Berliner und Brandenburger auf, was die Naturheilkunde im Allgemeinen und die Homöopathie im Besonderen darstellt.
In Deine Stimme hatte ich mich längst verliebt. Und Du, ein homöopathischer Draufgänger, wolltest, dass in jedem Brandenburgischen Dorf eines Tages ein Heilpraktiker sitzt. Ich hatte den Eindruck, dass das Dein politischer Ernst war, Dein innerer Missionar, der da gesprochen hatte...Erinnerst Du Dich ?
Krüger:
Diese Worte bewegen mich sehr. Ja, ich erinnere mich... .Dieses Interview in dem nächtlichen Rundfunkhaus war für mich ein unwahrscheinliches Erlebnis. Erstmalig in meinem Leben hatte ich das Gefühl, wirklich Tausende oder gar Zehntausende erreichen zu können. Es stimmt, es gab und es gibt diesen inneren Missionar. Und es gab und es gibt in mir das Verlangen, mehr zu tun als „nur“ individuell zu heilen, sondern auf Systeme, auf Felder zu wirken. 1990 war ja noch lange vor meiner ersten Begegnung mit Bert Hellinger. Das Systemisches Wirken, und dann auch das therapeutisches Wirken, sind erst Jahre später zum Inhalt meines Lebens geworden. Aber auch die politische Dimension, die ich damals mit dem Satz „in jedes Brandenburgische Dorf ein Heilpraktiker“ andeutete, ist mir in meinem Herzen sehr nahe geblieben. Ich bin fest davon überzeugt, dass man diese Welt mit Heilkunst gesünder und friedlicher machen kann, ob man sie nun homöopathisch heilt, oder ob man sie systemisch heilt, ikonografisch, oder ob man sie heil singt. Mein großer spiritueller Lehrer, Rabbi Zalman Schachter, hat einmal gesagt: „Die Rettung der Welt ist eine Alchemistische. Und die Alchemie der heutigen Zeit ist die Homöopathie.“
Was ich jetzt ganz stark in mir spüre, ist die Dankbarkeit über diese 15 Jahre Kontakt mit Dir, die Dankbarkeit, dass Du es mir in den vielen Gesprächen immer wieder ermöglichst hast, mich auch selbst zu definieren, was ich immer wieder über solche Gespräche wie mit Dir tun kann.
Ich bin ein Mensch, der gefragt werden MUSS, der inspiriert werden muss. Als Doppelkrebs mit einem Mond im Fischehaus bin ich eigentlich NICHT, wenn ich nicht gefragt werde. Und es ist wichtig für mich, dass Du mir das immer wieder mit deinen Fragen ermöglicht hast. Ja, dieses „Bewegt sein“ auch gerade im Rückblick auf unsere gemeinsame Zeit, das ist im Augenblick meine primäre Empfindung.
Frage:
Erinnerst Du Dich noch an den Kurs VIII?
Ich saß dort mit noch fünf weiteren „Ossis“ im Kurs VIII der „Samuel- Hahnemann-schule“. Ich weiß, bis auf eine, die uns bald nach dem ersten viertel Jahr verließ, haben die anderen fünf inzwischen gut laufende Praxen. Waren die Ossis anders als die Wessis?
Krüger:
Damals garantiert. Ich möchte es aus meiner Rückerinnerung so sagen: viel, viel disziplinierter als unsere Schüler aus Westdeutschland. Viel, viel engagierter, sehr viel zurückhaltender, sehr viel offener, auch wenn das wie ein Widerspruch klingt. Sehr viel mehr dem Lehrer hingegeben als unsere zur „Überkritik“ herangezüchteten Westdeutschen, und im Schnitt sehr viel erfolgreicher. Das ist einfach eine Tatsache. Wenn ich normalerweise sage, aus einem Kurs werden 10 bis maximal 20% unserer Absolventen Vollerwerbspraxen eröffnen, dann ward ihr 5 Ossis schon allein 10%. Ich muss sagen, dass dieser Kurs VIII einer der Kurse war, der sich wirklich unauslöschbar in meine Lehrerseele eingebrannt haben.
Rausch:
Es war ein Wendekurs...
Krüger:
Es war wirklich ein Wendekurs im wahrsten Sinne des Wortes. Es gab lange danach keinen Kurs, der mich so beeindruckt hat und deren Teilnehmer mich auch so beeindruckt haben.
Rausch:
Auch in jener Mainacht damals vor 14 Jahren sprachst Du bereits- und das hat mich verblüfft beim Wiederhören- vom eigenen Leiden, vom Leidens- sprich Krankheitsweg, der auch Dich seinerzeit zu einem homöopathisch arbeitenden Arzt trieb. Du sagtest in dieser Nachtsendung, dass es wie ein Wunder war, Deine langjährige Migräne durch ein homöopathisches Mittel verschwinden zu sehen.
Hier sind schon zwei Schlüsselwörter für mein Verständnis Deiner Prozess- orientierten Homöopathie:
Leiden und Wunder oder auch Heilung wie durch ein Wunder.
Du nennst Dich selber gerne Wunderer, Stauner, Erinnerer.
Wer in Dir wundert, wer staunt und wer erinnert sich? Und warum?
Krüger:
Ich habe ja vorhin aus Scherz gesagt, ein Doppelkrebs sei eigentlich nicht existent. Er wird durch das existent, was auf ihn strahlt. Und so muss ich sagen, dass ich mich in meinem Leben immer nur durch die Begegnung mit außergewöhnlichen Menschen und durch eigenes Leid verwandelt habe.
Wenn ich mein Leben lang immer nur glücklich verliebt gewesen wäre und nicht gelitten hätte, hätte ich mich wahrscheinlich nur minimalst verändert. Ich wäre glücklich, aber unverändert geblieben.
Und ich will nicht bewerten, ob das schlechter oder besser ist. Ein Kollege sagte einmal zu mir, als wir über meine jetzige Seelenreisen-Arbeit sprachen, „ich bin völlig damit zufrieden, nur ein mittelmäßiger Heiler zu sein, dafür muss ich auch nur mittelmäßige Krankheiten haben.“ Es ist eine Tatsache, dass große Heiler mehr haben als nur mittelmäßige Krankheiten.
Mein Zugang zur Heilkunst fußt auf der Basis einer 20jährigen Migräne. Und ich hätte gedacht, ich hätte meine dreimal wöchentliche Migräne in den letzten Jahren „abgearbeitet“, und so sah es auch viele Jahre lang aus. Aber es war dann scheinbar immer wieder von Nöten, dass mich das Schicksal wirklich der Länge nach nieder warf, um für mich und meine Heilkunst immer wieder entscheidende Schritte zu machen.
Dieses Wort, das Herbert Fritsche aus Karl Immermanns „Merlin“ entnommen hat, nämlich: „Die Hand, die vor Leiden zuckt, kann Leiden heilen“, ist für mich Leitschnur geworden. Und auch der Satz, der von mir stammt: „ein Heiler kann an seinem Patienten nur wirklich das heilen, was er auch an sich als Leid erlebt hat“, hat sich bis heute immer wieder bestätigt.
Der leidende Heiler, der Chiron, der verwundete Heiler, ist zum Hauptthema meines Lebens geworden, wobei mein Bemühen, die Heiler durch prophylaktische Schulung nicht zu krank werden zu lassen, in den letzten Jahren viel größer geworden ist.
Ich musste in den letzten drei Jahren miterleben, dass großartige Heilerfreunde starben. Ich musste auch großartige Heilerfreunde schwer erkranken sehen, ob an Hirnblutung, oder an furchtbaren Depressionen, um zu erwachen.
Und ich weiß inzwischen besser, so wichtig die therapeutische Krankheit auch ist, dass der Heiler doch viel dafür tun kann, prophylaktisch und therapeutisch, nicht in schlimme Krankheit zu fallen.
Rausch:
Andreas, du hast einmal ein großes, für mich sehr gut bekanntes Bedürfnis in der Dozentenrunde und auch in der Schwarmtrommel geäußert: das Bedürfnis, gefragt zu werden. Fühlst du dich als eine Art Orakel?
Krüger:
Ich würde nicht „Orakel“ sagen. Das Bedürfnis gefragt zu werden, ist bei mir eine Notwendigkeit. Es ist eher eine Psychopathologie, nämlich, dass ich, wenn ich nicht gefragt werde, nicht spreche.
Ich möchte nicht gefragt werden, weil ich denke, dass ich so viele tolle Sachen weiß, sondern ich brauche die Frage als Inspiration. Wenn ich in einem Kurs sitze, und dieser Kurs lächelt mich an, dieser Kurs „liebt“ mich an, dieser Kurs fragt, dieser Kurs drückt durch glückliche Gesichter sein Wohlbefinden aus und seine Anteilnahme, seine Hingabe, dann merke ich, dass ich auf Hochtouren laufe. Ich bin einfach abhängig von meinem Gegenüber. Peter Orban hat einmal gesagt: „Du bist der klassische Mond, wenn du nicht bestrahlt wirst, bist du duster, ein Brocken Stein. Wenn du aber bestrahlt wirst, machst du mit diesem Licht die wunderbarsten Dinge und bewirkst ja auch auf dieser Erde die wunderbarsten Dinge.“
Also dieses „muss- gefragt- werden!“ ist kein Ausdruck von Narzissmus, sondern ist eine Notwendigkeit, um aus einem Kommunikationsdilemma heraus zu kommen.
Ich kann ja auch nicht schreiben. Wenn ich vor einem Computer sitze und irgend etwas schreiben soll, fällt mir nichts ein. Das Einzige, was autonom aus mir heraus kommt, sind meine Seelengesänge, meine Trivialpoesie, das aber ist das Einzige, das sich freiwillig ergießt. Alles andere muss durch zärtliche Berührung aus mir herausgeholt werden. Wie bei meiner geliebten Irmi, die meine Briefe schreibt, und der ich eigentlich diese Briefe erzähle. Ich brauche, ob im Interview, in der Didaktik, in meinem Büro, ein Gegenüber. Da kommt auch mein Gemeinschaftsmensch zum Tragen.
Rausch:
Ich habe immer noch Sorge, dass du dich durch Deine Aufforderung, „fragt mich“, überforderst, was meinst du dazu?
Krüger:
Also wenn mich immer noch überfordere, dann nicht auf dieser Seite meiner Kommunikation. Ich habe vieles gelernt, auch ökonomisch angstfrei in die Zukunft zu blicken.
Es gibt bestimmt immer noch Punkte, bei denen ich dazu neige, mich zu überfordern. Aber ich habe mein Leben so umgestaltet, dass ich jetzt einen Tag weniger in der Praxis arbeite, dass ich weniger Seminare halte, und mache dafür vermehrt therapeutische Übungen, wie mein inzwischen geliebtes Laufen, mein unverzichtbares Singen. Ich tue jetzt einfach ganz viel für mich, was ich bestimmt all die Jahre viel zu wenig gemacht habe.
Rausch:
....dann nehme ich dieses „Fragte mich!“ als eine Offenbarung, was man von unserer Seite an Dir therapeutisch Gutes tun kann.
Krüger:
Ja, tut mir gut! Durch zu viel Fragen, glaube ich, habe ich nie Schaden genommen. Ich habe Schaden genommen an einer Wahnidee von Unsterblichkeit und Omnipotenz. Ich habe Schaden genommen auch an der Wahrnehmungsstörung, Erschöpfung nicht zu spüren. Ich habe ganz viel Angst nicht wahrgenommen. Ich glaube inzwischen auch, dass ich im Jahre 2002 an gewissen Wahrnehmungsdefiziten erkrankt bin, da meine Umwelt durchaus wahrgenommen hat, dass ich erschöpft bin, dass meine Aura noch zwei Zentimeter dick und grau ist, aber....
Rausch:
...aber sich wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern nicht getraut hat,...
Krüger:
...hat sich teilweise auch getraut, aber ich hab es nicht hören wollen...
Ich bin eigentlich dankbar, dass ich nicht wie einige meiner Freunde mit einem bösartigen Tumor gestoppt worden bin, sondern nur mit einem Erschöpfungssyndrom...
Rausch:
....was ja reicht.
Krüger:
Was reicht! Ich will das gar nicht abmildern, das war und ist noch hart genug. Bis heute muss ich mit seinen Folgen umgehen. Aber ich glaube, wenn es eine Zeit gab, in der ich mich so wenig wie möglich überfordert habe, war es das letzte halbe Jahr. Meine Arbeit ist zwar noch einmal sehr viel tiefer geworden, ich denke auch sehr viel menschlicher geworden, auch sehr viel magischer, aber sie ist auf alle Fälle weniger geworden, abgegrenzter. Da habe ich etwas gelernt und mache das auch jetzt vor, was auch wichtig für meine Schüler ist, damit sie nicht in die gleiche Erschöpfung gehen müssen.
Rausch:
....sicherlich auch weil wir in einem Beruf zu Hause sind, wo wir uns sehr schnell selber ausbeuten und überfordern...
Krüger:
Und ich habe das 15 Jahre lang betrieben, weil es, wie du sagst, auch toll ist in unserem Beruf zu arbeiten.
Begehrt zu sein, gefragt zu sein, gutes Geld zu verdienen. Leuten etwas beibringen zu können, vielen Menschen auch Heil zukommen zu lassen. Das hat natürlich auch eine große Faszination. Wir, auch ich, haben viel zu wenig davon gewusst, was wir später über Rosina Sonnenschmidt erfahren haben, nämlich die Arbeit am schutzlosen Heiler. Das kam ja auch alles erst später, ja....
Rausch:
....zur rechten Zeit vielleicht.
Krüger:
...zur rechten Zeit vielleicht.
Rausch:
Was, Andreas, ist nach 15 Jahren prozessorientierter Homöopathie die Quintessenz dessen, was den Prozess in der homöopathischen Begleitung bei Dir ausmacht, was hat sich bewährt in der Anamnese, in der Wahrnehmung des Patienten Deiner prozessorientierten Praxis und Lehre?
Krüger:
Man muss dazu erst einmal eines sagen: „der Prozess ist im Prozess“, ob das nun an der Beeinflussbarkeit eines Doppelkrebses liegt, oder am Prozess an sich, der sich ja dadurch definiert, das er nomadisch bewegt ist, weiß ich nicht. Und wenn der Prozess mal irgendwann aufhört, prozesshaft zu sein, müsste ich das prozessorientierte streichen. Ganz, ganz viele Jahre hat der Prozess in der Homöopathie den Fokus des Entwickelns und Befreien von Potentialen gehabt; einen Weg der Fülle aufzuweisen, den ich auch über viele Jahre gegangen bin. Dann kam die Krankheit als Weg, Krankheit als liebevoller Helfer, Krankheit als didaktische Maßnahme. Dazu kam auch Offenheit für alle Zufälle, die uns zufallen, das Aufnehmen und Verarbeiten all der Dinge der Wahrnehmung des Patienten jenseits seiner Pathologie, wie Träume, Gefühle, unbewusste Schattenseiten, von denen die klassische Homöopathie nichts wissen will, die so wunderbar in Martin Bomhardts Büchern nachzulesen sind. Das waren die ersten Jahre der prozessorientierten Homöopathie. Wir haben da wirklich Großes geleistet. Wir haben die Heilkunst der Homöopathie erweitert. Wir haben die Wahrnehmungsmöglichkeiten erweitert. Wir haben die Homöopathie von einer Symptommedizin zu einer Wandlungsmedizin weiter entwickelt. Und darauf bin ich stolz. Dass daraus durch Hans-Jürgen Achtzehn noch die Schattenarbeit und Patientenführung entstanden sind, adelt die prozessorientierte Homöopathie um so mehr.
Dazu kamen dann aber eben auch die prozessorientierte Homöopathie begleitende Heilmethoden: wie die Aufstellungsarbeit Bert Hellingers, von uns weiter entwickelt zur Ikonenarbeit. Das heißt, wir stellen Probleme, Familienstrukturen auf und die heilenden homöopathischen Mittel dazu, was sich inzwischen sehr bewährt hat, und inzwischen ein, zwei Dutzend meiner Schüler mit Erfolg in der ganzen Republik praktizieren. Die Ikonenarbeit ist inzwischen in der Aufstellungsszene eine Größe. Und wenn es irgendwo einmal eine Zeitung oder ein Buch gibt, in dem etwas über Homöopathie und systemische Arbeit steht, sind wir immer mit die ersten, die angesprochen werden, deren Meinung gefragt ist. Dann hat sich die Seelenreisenarbeit zu den Arzneimitteln bewährt, die inzwischen in die Hunderte gehen und auf dem deutschen Homöopathiemarkt unverzichtbare Größen geworden sind. Oder in der letzten Zeit die schamanische Arbeit, die Seelen- Reisen-medizinische Arbeit, die auch wunderbar mit der prozessorientierten Homöopathie verknüpft werden kann. Oder etwas, was der prozessorientierten Homöopathie scheinbar entgegengesetzt ist: nämlich das miasmatische Denken von Peter Ginow, dem phantastischsten Lehrer für Miasmatik, dem ich in meinem Leben jemals begegnet bin. Die Vereinbarkeit geht sogar wunderbar: denn „Träume von Krüger“ sind nicht nur prozessorientiert eindeutig Medorrhinum, sondern es ist auch ein deutlicher Hinweis für eine massiv sykotische Seinsebene, ob die dann zu behandeln ist oder nicht.
Gerade diese miasmatische Ebene nach Ginow, die mich und die meinen zur Zeit sehr beeindruckt, hat ja auch Zugang zu unserer prozessorientierten Arbeit.
Rausch:
Für mich beinhaltet die prozessorientierte Homöopathie all die Wege und Strategien, die du benannt hast: Therapie des Therapeuten, Krankheit als Ausdruck einer tiefer liegenden Störung mit ihrem Lern- und Wandlungsaspekt, aber auch die Blockaden auf diesem Weg: wie Schattenaspekte, Abwehrblockaden medikamentöser Art wie Impfungen zum Beispiel, und meine seit zwei Jahren wieder neu entfachte Leidenschaft für die Frage: Woher kommen die Miasmen und was haben sie mir heute zu sagen? Denn obwohl alle Blockaden beseitigt waren, das beste homöopathische Mittel gefunden wurde, die Rückfälle, das Verharren, gerade bei chronischen Erkrankungen von Kindern im zartesten Alter, gaben mir immer mehr zu denken. So dass ich die Alten, Clarke, Burnett, Allen, mir noch einmal oder auch zum ersten mal vornahm, um nach den Spuren der Sykose, der Syphilis, der Psora zu suchen, um im Grunde genommen dem kleinen Kind ein Mittel für seinen Vater, für dessen Gicht, manchmal für den Tripper des Großvaters zu geben, womit wir wieder bei Medorrhinum wären, aber auch bei Nitricum acidum, bei Natrium sulfuricum, oder Thuja, um die wichtigsten Antisykotika zu benennen.
Wir haben also, Andreas, in der Tat, nicht nur einen Weg, den wir gehen können, sondern mehrere.
Krüger:
Spätestens seit Rosina Sonnenschmidt haben wir die große Tendenz, mit Testungen zu arbeiten. Ob das Rosinas Tests sind, ob das die Kinesiologie der Luise Wackwitz und Ofir Touvals sind, ob das Maria von Heydens Armlängentest ist, ob das der Thymustest oder Radialistest ist, ja wir können sogar testen: braucht der Patient Homöopathie oder etwas anderes zu seiner Heilung?
Braucht er eher eine prozessorientierte Vorgehensweise oder eine antimiasmatische?
Wir haben in diesem nomadischen Liberalismus hier eine Fülle von Handwerkszeugen, die uns wirklich helfen, das Zentrale zu tun, wie Hahnemann sagte: Menschen gesund zu machen, was man heilen nennt. Die Menschen nicht verändern zu wollen, sondern ihre eigenen Wandlungskräfte anzustoßen und primär zu helfen. Helfen. Wir helfen ohne wenn und aber. Und wenn wir mit einem Pumpenschwengel helfen. Wenn wir helfen, haben wir recht. Ob wir prozessorientiert, miasmatisch orientiert, neuraltherapeutisch orientiert sind, ist egal. Wenn die prozessorientierte Homöopathie ein Dogma hat, dann ist es das Dogma des Nichtdogmatischen. Helfen! Bedingungslos helfen ohne jeglichen therapeutischen Narzissmus.
Rausch:
Du hast in 15 Jahren Brandenburgs, Dresdens, Leipzigs und Ostberlins Heilpraktiker wesentlich mitgeprägt. Du hast in dieser Zeit eine Dozentenschaft hervorgebracht, die in allem, wie ich es erlebe, die besten Nachfolger sind, den Prozess, den du sie lehrtest, mit bestem Fleiß und feurigster Überzeugung selber leben und lehren, du hast in 20 Jahren von 600 Heilpraktikern mindesten 200 zu erfolgreichen Heilpraktikern gemacht. Du hast die Schüler der Samuel-Hahnemann- Heilpraktikerschule wie keiner in einen dreijährigen Schmelztiegel geworfen und ihr Leben verändert. Du hast vielen, ja den meisten die wohl stärkste Waffe geschmiedet, die der Selbstbehauptung in eigener Praxis. Du hast 5 Büchern zum Licht der Welt verholfen, mit deinen Gedanken, deinen wunderschönen Trancen, die ich so liebe, deinen Träumen, deinen Erkenntnissen, deinen Gedichten.
Du hast mit deinen Schülern gesungen, getrommelt, gelitten, geweint, homöopathische Mittel geprüft, homöopathische Sonntage zelebriert. Du hast in der Welt der Homöopathie einen sicheren Namen und viele in dieser Welt wollen dich hören, erleben. Du hast Mitstreiter und wichtige enge Mitarbeiter und Freunde. Du hast eine Familie, die dich liebt, schützt und auch bei den Schultern nimmt.
Was von all dem Vielen und Großen, von all der Gnade, dem Staunen, dem Erleiden auch, von all dem Gewordensein und Geworfensein, all dem Ereichten, was von all dem bringt die meiste Gewissheit von Ruhe, Frieden,...Glück?
Krüger:
Es ist einfach, hier eine Hierarchie der Wichtigkeit zu erstellen. Ohne Frage steht ganz oben in dieser Hierarchie meine Familie und da natürlich mein liebes Eheweib, was mich jetzt seit 20 Jahren hält und aushält. Ich weiß, dass ich ohne sie entweder am Überlastungs- Hirnschlag verendet wäre oder mich zu Tode gegessen hätte, oder mich manisch heilungsgrößenwahnsinnig durch Arbeit getötet hätte. Das muss ich einfach sagen: es würde mich ohne meine Frau Marianne wahrscheinlich heute nicht mehr geben. Punkt. Und danach kommt eine ganze Menge gar nichts.
Dann kommt natürlich ...diese Schule! Ich habe mich an keinem Ort der Welt –mit Ausnahme meiner Familie- so getragen, so beschützt, so animiert, so in meiner Kreativität angeregt gefühlt, wie an dieser Schule. Ob das jetzt mein kleines Büroteam ist oder auch das Vorstandsteam des Vereins, das eine Kontinuität zeigt, die fast unglaublich ist, ohne die diese Schule nie in dieser Ruhe und Geschütztheit hätte wachsen können. Oder ob das meine Dozenten sind, die zum großen Teil alle meine Schüler sind... . Diese Schule ist für mich als Stammes- und Schwarmwesen, der nach nichts mehr Bedürfnis hat, als nach einer geschützten Familie, in einer geschützten Rotte, in einem menschengerechten Stammesverband zu leben, das ist für mich eine Oase der Liebenden. Nicht umsonst habe ich für diesen Ort und seine Bewohner das Wort: mein Schwarm gefunden, was am ehesten der Übersetzung aus dem Lakotischen, einer Indianersprache, für das steht, was wir Stamm nennen. Bloß die Indianer nennen sich nicht Stamm, weil der Stamm ansässig ist, niedergelassen, und nicht prozesshaft nomadisch. Eigentlich ist die Übersetzung des Lakotawortes: „Ojate“ so was wie „Fähnlein“, die Fahne, die man immer da einsteckt, wo man gerade ist. Mit diesem Wort tat ich mich schwer aus deutschen Geschichtsgründen, aber die weitere Übersetzung für „Ojate“ war: „schwärmen“, die Schwärmenden, die Ausschwärmenden.
Rausch:
Da fällt mir gerade ein, ob beim Fischschwarm oder im Vogelzug, wusstest du, dass da immer ein anderes Tier den Schwarm, den Vogelzug übernimmt, ihn leitet, ihm voran geht, wie das Fähnlein, der Fahnenträger in der Schlacht?
Krüger:
Ja. Alleine aus aerodynamischen Gründen.
Rausch:
Und auch sicherlich, um im Kontakt zu bleiben mit der Kraft des Führenden, von der die Gefolgschaft des Schwarmes unmittelbar abhängt und umgekehrt. Nicht für umsonst willst du gefragt werden, schaust du dich um in deinem Schwarm als Echo, als Rückhalt, als Impulsgeber oder, wie du sagst, als Motor deiner selbst.
Krüger:
Ich erlebe uns auch als ein Schwarm – Bewusstsein. Ich erlebe so viel Menschen um mich herum, die auf einer fast gleichen Ebene schwingen, wo fast die gleichen Dinge gedacht und geträumt werden, wo man gleichzeitig gleiche Worte ausspricht, dass das schon mehr ist als ein Arbeitszusammenhang. Ein großes Medium, das ich einmal an unsere Schule holte, sagte, als sie uns sah, hier gibt es keinen, der nicht mindestens drei Leben miteinander unterwegs war, und der engste Zirkel hat schon ein Dutzend Mal geübt, bis er sich auf diese Inkarnation hier eingelassen hat.
Rausch:
Ich glaube dir aufs Wort, dass dir beide weibliche Wesen, die Frau an Deiner Seite und die Schule an der anderen, dass Dir das Glück gebracht hat und Glück bringt. ES trägt und schwingt.
Du stehst mit 50 auf einem Berg von Erreichtem. Und das nenne ich viel aus meiner Beobachtung dieser letzten intensiven 15 Jahre.
Andreas, gibt es noch etwas in deiner Brust, das erreicht werden muss?
Krüger:
Jaa! Für mich möchte ich noch mehr Frieden, mehr Einheit mit allem, mehr Zeit für meine Lieben und mehr Zeit für mich und die Erhaltung meiner Gesundheit.
Ich wünsche mir noch, in das eine oder andere Geheimnis unserer Existenz eingeweiht zu werden. Und ich wünsche mir noch, auf meinen Arbeitsgebieten weiter geschult zu werden. Ich wünsche mir, noch mehr in das Mysterium der Miasmen der chronischen Krankheiten einzusteigen.
Ich wünsche, mich auf dem Gebiet der Sensitivität noch weiter auszubilden. Ich wünsche mir, dass ich im Bereich der Seelen- Reisen- Medizin noch viele Schritte mache, besonders was mein geliebtes, und ich glaube auch meine Zukunft prägendes Heillied sein wird. Darauf weisen mich jedenfalls meine letzten Visionen sehr deutlich hin. Ja, und ich wünsche mir, mit meinen Freunden noch viele, viele glückliche Stunden zu verleben.
Rausch:
Das waren, um es auf das Märchen zu beziehen, viel mehr als nur drei Wünsche. Ich lasse Deine vielen Wünsche ausnahmsweise mal gelten, erstens weil du Geburtstag hast, auch noch einen 50!, und zweitens, weil du die magische Zahl 7 an Wünschen nicht überschritten hast.
Es gibt ein Gedicht von Dir, das habe ich mir ausgeschnitten und an die Tür in meiner Praxis geklebt:
Es heißt:
Für meinen Homöopathen – Calcium- Treue
Es ist leicht zu lieben
In den sonnigen Tagen des Sommers
Es ist leicht freudig zu horchen
Wenn die Freunde lächeln und loben
Es ist leicht zu hoffen
Wenn die Nachtigallen singen
Aber wenn alles still zu stehen scheint
Wenn der Morgen nicht kommen will
Und die Lieder versungen zu sein scheinen
Dann bleibt nur noch die Treue
Wenn Du ihre Hand spürst, Ihren Atem
Dann weißt Du, jedes Dunkel wird ein Ende haben
Gibt es heilendere Lieder, als die Lieder der Treue?
Was bedeutet dir Treue, Andreas?
Krüger:
Also, wenn ich durch den Dampf meines „Gerührtseins“ über meinen eigenen Text, den du so schön gelesen hast, hindurchspüre, dann fällt mir nur ein Wort ein: Alles! Es gibt nichts, was mir mehr bedeutet.
Rausch:
In deiner jüngsten Schwarmtrommel heißt es in einem Lied von dir:
Heilend Lied
Du tönst zu uns herüber
Durch die Weiten der Jahrtausende
Die Alten sangen es von Anbeginn der Zeit
In ihren Höhlen in ihren Tipis
Sie zersangen das Leid
Sie zersangen das Schicksal
Sie zersangen den Fluch
Kommt Gefährten lasst uns einstimmen in dies heilend Lied
Auch heute braucht die Welt wieder ihre heilenden Lieder
Und auch heute braucht die Welt wieder
Sänger und Sängerinnen
Die es mutig dem Leid entgegen singen.
Ich liebe dich mein heilend Lied
Andreas, meine Frage mit einer möglichst kurzen Antwort:
was sind für dich die Alten?
Krüger:
...die, die hinter mir stehen, die, die hinter uns stehen. Und die, die in unserer Tradition des Heilens stehen.
Frage: Was sind für dich Höhlen und Tipis?
Krüger:
Das sind für mich Höhlen und Tipis...
Keine Kreissäle und keine neurochirurgischen Operationssäle.
Rausch:
Was ist für dich Schicksal?
Krüger:
.....was die Götter über uns werfen.
Rausch:
Was ist für dich Fluch?
Krüger:
Was die Dämonen manchmal über uns werfen.
Rausch:
Was sind für dich Gefährten?
Krüger.
...Menschen, wo ich, wenn ich sie berühre, das Gefühl habe, mich selbst zu berühren.
Rausch:
Andreas, es heißt in vielen Schwarmtrommeln, Andreas singt für die Kranken, zersingst du auch dein Leid, deine Krankheit, deinen Fluch?
Krüger:
Ich versuche ES nicht nur zu zersingen, ich versuche ES auch zu zerlaufen, zu zerbeten, zu zerheilen mit meinen geliebten Kügelchen und biochemischen Tabletten. Und ich bestehe darauf, dass ich wage, bei mir und meinen Klienten mit den Dimensionen des Leides zu arbeiten, die vielleicht schicksalhaft sind. Unter diesem Schicksalsaspekt habe ich die Miasmen Hahnemanns noch einmal völlig anders verstanden. Dort wo Hahnemann sagt, da hilft kein gutes Zureden, da hilft auch keine gute Lebensführung, da könnt ihr noch so viel Diäten machen und darüber nachsinnen, da hilft wirklich nur Gnaden und Wunder bringende Arznei. Und ich habe mit dem heilenden Lied auf der Ebene der Seelen- Reisen- Medizin die gleiche Erfahrung gemacht: einmal, dass ich in der tiefsten Tiefe meiner Krankheit im Herbst 2002 wie gerettet wurde von einer großen Schamanin, die ein Wesen zersang mit ihrem heilend Lied, das mich (jedenfalls in der Realität der anderen Wirklichkeit) umbringen wollte, weil es das Gefühl hatte, mein Werk würde ihm gefährlich werden. Und dieses dem Tod entsungen zu werden hat mich damals unglaublich beeindruckt, wobei ich dazu sagen möchte, dass ich ja schon lange Zeit ein großer Mantrensänger bin. Dann habe ich im Herbst ein Jahr danach selbst meine Initiation bekommen in mein Heillied durch eine neue Helferin auf der geistigen Ebene, meine Spinne, meine Aranea diadema, meine eigene Großmutter, die mir auf der geistigen Ebene einen Zugang zu meinen Heilliedern verschaffte und die mir offenbarte, dass das Heillied, ähnlich wie die Homöopathie, die Fähigkeit hat, Schicksal zu zersingen.
Das möchte ich gern mit einem Wort Herbert Fritsches bekräftigen und auch beschließen, wenn er schreibt: „Der gottesfürchtige Therapeut hält in seinem Handeln da inne, wo er in der Krankheit das Wirken Gottes, den „ens die“, glaubt zu erblicken. Der mutige, der merlineske Therapeut verordnet aber auch hier die Arznei, die miasmatische, weil hier andere nicht helfen würden.“ Und interessanter Weise wird selbst dieses nicht Gott gefällige Tun durch das Amen gelungener Heilung belohnt. Wir wissen ja, dass Gott mit seinen Menschen streiten will. Wir wissen, dass, wer ihn lieben will, wer mit ihm kämpfen will, dass Gott diese, die Haderer, segnet. Und ich glaube, er hat auch insgeheim einen liebevollen Blick gegen die, die immer mal wieder gegen seinen Willen verstoßen, Ich glaube nämlich, dass Gott in seinem Schöpfungsplan die Freiheit des Menschen am wichtigsten war.
Rausch:
Letzte Frage: im Jahre deiner Geburt, 1954, wurde Deutschland Fußballweltmeister.
Krüger:
„Das Wunder von Bern“...
Rausch:
Im Jahre deines 50. Geburtstages ringt die deutsche 11 ein kleines bisschen um den Europameistertitel. Wünschst du ihr den Pokal?
Krüger:
Ich wünsche ihn Griechenland, meiner zweiten Heimat, der Heimat meiner Seele und der Heimat meines Chiron...
Rausch:
Wir werden sehen...Vielen Dank für das Gespräch mit dir.
Krüger:
Vielen Dank zurück. Das war ein heilendes Interview.
Im Gespräch mit Andreas Krüger, Schulleiter der „Samuel- Hahnemann- Heilpraktikerschule“ war Marion Rausch
Berlin, im Juni 2004