Am Anfang war der Gesang

Andreas Krüger im Gespräch mit Marion Rausch über heilende Gesänge, Entrückung und andere magische Dinge in der Seelenreisenmedizin

Frage:
Andreas, Du hast früher unter anderem durch Deine Trancen auf Dich aufmerksam gemacht, durch die Magie der Worte und Bilder.
Jetzt hat es den Anschein, dass Du noch eine Ebene tiefer steigst, nämlich in den Gesang.
Es heißt auch: „am Anfang war das Wort“. War es vielleicht doch eher der Gesang ?

Andreas:
Das Singen, das mich so bewegt, erfreut und verwandelt, hat eine sehr lange Geschichte. Vor vielleicht 25 Jahren, ich war noch Heilpraktikerschüler, hatte ich einen sehr bewegenden Traum. Ich gehörte einer Gemeinschaft an, die die Aufgabe hatten, Menschen mit dem buddhistischen Mantra „Oh Mani pemerum“ (Oh, du Edelstein im Lotos) anzusingen. Der, der mit diesem Mantra angesungen wurde, wurde in diesem Traum sofort völlig friedlich und sehr glücklich. Wir zogen nun durch die Welt und sangen in vollen Sälen den Menschen in die Seelen, schmuggelten uns sogar in den Bundestag, um die Abgeordneten anzusingen, schmuggelten uns in Kriegsgebiete, um aufeinander Einschlagende zu besingen. Soweit der Traum.
Viel später erst habe ich erfahren, dass es dieses „Ansingen“ schon in der Traditionen mehreren von spirituellen Bewegungen gibt, zur Friedensförderung in der Welt.
Ja, die Menschen würden damit einen Quantensprung in ihrem Bewusstsein machen, wie wir es ja auch aus der transzendentalen Meditationstechnik kennen. Dort meint man, wenn 5% aller Menschen diese Meditation ausübten, würde die Menschheit in ihrem Bewusstsein einen Sprung machen.

Sonst aber war ich immer ein Mensch, der gern sang, laut sang, aber völlig falsch. Die Familie meinte nur, „knebelt ihn, auf dass er stille sei, wie es Troubadix in „Asterix“ erleben muss.
Dadurch habe ich mein Singen damals doch eher zurückgenommen.
Dann bin ich wiederum durch einen Schüler unserer Schule, Peter Jung-Dathe, der viel zu früh gestorben ist, auf eine Therapie und Schulungsform hingewiesen worden, einer „Atem- Stimme- Körper- und Gesangstherapie“ nach Anna Langenbeck, die mich sehr berührte und die ich dann auch bei meiner famosen Lehrerin Anna Glöckler ausübte. Bei ihr konnte ich über den Ton, das Singen, ja das Treten des Körpers, einen inneren Raum öffnen, den ich dann auch erst einmal sprachlich, aber auch gelegentlich singend nutzte.
Dieser Arbeit verdanke ich es, dass es mir leicht fiel, Säle mit 1000 Leuten zu füllen. Ich habe immer gesagt, ich kann Säle mit Seelen besprechen.
Aber auch diese Therapie fand irgendwann ein Ende und wieder trat das Singen in den Hintergrund. Dann kam der Sommer des Jahres 2001, in dem mein Schwiegervater schwer erkrankte und wirklich dem Tode näher war als dem Leben. Und in den ersten Tagen seiner Krankheit hatte ich einen visionären Traum. Dort erschien mir eine Frau, die ich sehr verehre, nämlich Theresea von Konnersreuth, die große Seherin und Stigmatisierte aus der Oberpfalz. Jene sagte mir verschiedene Dinge, die ich tun sollte, um den Schwiegervater zu heilen, unter anderem und auch dreimal täglich das Gayatri-Mantra singen.
Ich hatte dieses Gayatri-Mantra immer nur gehört, oft mit Astrid Dicke und Johannes Michels auf unseren Homöopathietagen, oder vorher auch schon mal in unserem Arbeitskreis für mantrisches Singen. Ich wusste weder den Text noch die Melodie richtig. So fuhr ich nach Freiburg zu meiner Freundin Christine Huk, von der ich wusste, das sie dieses Mantra singen konnte. Dann sang ich dieses angeblich älteste Mantra der Menschheit drei Wochen auf dem Balkon meines Schwiegervaters in einen badischen Himmel hinein.
Ob nun dadurch oder durch die Kunst der Ärzte, mein Schwiegervater genas. Heute ist er wieder puppenlustig, hackt Holz und gräbt den Wald um.
Dieses Erlebnis hat mich so beeindruckt, dass ich von diesem Tage an bis heute, eine halbe Stunde meines Trottens dieses Gayatri-Mantra als tägliches Exerzitium singe.
Der endgültige Durchbruch in die Singerei kam während meiner schweren Erkrankung in der 2. Hälfte des Jahres 2002, wo nichts helfen wollte und ich schwer der Hoffnungslosigkeit anheim gefallen war.
Eine befreundete Schamanin reiste da für mich in die andere Wirklichkeit, fand dort meinen Geistkörper sehr krank und sie sagte mir, sie könne mich nur retten, wenn sie ihr Heillied für mich sang. Und für mich begann nach dieser Heillied-Behandlung die langsame Heilung aus dieser für mich schwersten Krankheit meines Lebens. Dieses Erlebnis hat mir noch einmal eine neue Tür zum Schamanismus geöffnet.

Frage:
Du hast einen Schwarm von mindestens 30 Sängern und Trommlerinnen an Deiner Seite.
Es gab immer schon Gesang an dieser Heilpraktikerschule. Mittlerweile aber bekommt das Singen hier am Haus eine größere Mächtigkeit, es gibt Deinen Alexander-Heilerkreis, und Deine Ausbildung zum heilenden Lied.
Es scheint mir, als habe das in der Tat mit einer Ermächtigung zu tun.
Was, Andreas, willst Du in Dir ermächtigen?

Andreas Krüger:
Ich habe bei Paul Ukusitsch, einem wunderbaren Schamanen aus Österreich, gelernt, in die anderen Wirklichkeiten zu reisen, meine Krafttiere und Geisthelfer zu finden. Und so bin ich schon hin und wieder mit meinen Krafttieren, Elch, Wolf und Orka gereist. Am Ende meiner Krankheit erschien bei mir ein neues Krafttier, auf meiner linken Schulter sitzend: eine wunderschöne handgroße Aranea diadema (Kreuzspinne), die sich mir als Großmuttergeist vorstellte und die mir auf einer Reise die Aufgabe gab, nun endgültig mit dem Heillied zu arbeiten. Sie hat zu mir gesagt: „Uns, die Spinnen, bekommen nur die als Totemtier, die dem Tod oder dem Wahnsinn begegnet sind. Und die, denen Tod und/oder Wahnsinn begegnet sind, die sind ermächtigt, mittels des Heilliedes das Schicksal zu zersingen.“


Frage:
Hat Dich diese Spinnenbotschaft nicht erschreckt?

Andreas Krüger:
Das hat mich erschüttert und beglückt. Wie immer das Anderweltliche nicht nur beglückt, sondern auch erschreckt.
Und das Heillied als sehr mächtiges schamanistisches, vielleicht auch als das älteste Medium, hat einfach Kräfte, die sehr besonders sind. Sicherlich hat auch die Homöopathie, besonders auch die miasmatische einen großen Schicksalsbezug, sprich Vererbungsdruck, der erfolgreich behandelt werden kann.
Aber mir hat die Begegnung mit der Spinne erst wirklich Ermächtigung gegeben, durch Singen zu heilen.

Frage:
Es heißt, ein Eskimoschamane erzählt, dass sein Hilfsgeist so lange über ihm schwebte, als er sang und dabei war ihm, als würden Hausgang und Dach in die Höhe gehoben, und er könnte mitten durchs Haus, durch die Erde hindurch und in den Himmel sehen.“
Hast Du so etwas schon mal beim Singen erlebt, Andreas?

Andreas Krüger:
Meine bisher tiefste Erfahrung mit dem Heillied habe ich auf dem Homöopathietag im Herbst 2003 gemacht. Dort habe ich erstmalig mit etwa 120 Menschen hier bei uns an der Schule eine Heilliedtrance gemacht, in der ich das Publikum zu seinem Heillied führte. In dieser Seelenreise wurde ein jeder in der nicht alltäglichen Wirklichkeit an einen Ort, zu einem Tier, zu einem Geisthelfer geführt, der ihm eine Initiation in sein ganz persönliches Heillied gab. Jeder, der sein Heillied gefunden hatte, fing an zu singen. Zum Anfang sang nur ich mein Heillied und meine in ihr Heillied bereits initiierten Helfer das ihre, jeder ein anderes. Also ein Form von maximaler Kakophonie. Und nach guten 10 Minuten sangen in diesem Saale mindestens 80 Menschen ihr Heillied.
Dieser Gesang hat das Dach der Samuel-Hahnemann-Schule wegfliegen lassen. Ich habe die Geschichte von diesem Eskimo noch nie gehört, aber das Erlebnis, das ich während dieser Heilliedtrance hatte, war das Erlebnis eines entstehenden Heillieddoms.
Ich habe eine Kraftentfaltung erlebt, die ich nie zuvor und bis jetzt auch nie wieder danach hatte. Das war schon etwas Besonderes.
Ich erlebe so etwas, wenn auch nicht so gewaltig, eigentlich immer im Heilerkreis, der sich einmal monatlich hier im Hause trifft. Auch auf meinen Seminaren ist die Trance zum inneren Heillied zu einem Seelenreisenhit geworden. Die Menschen erleben es immer als ein großes Geschenk, ihr eigenes Heillied zu finden.

Frage:
„Ein Ostgrönländer namens Kilime, ein Heide, ein Primitiver, wie das Wörterbuch des Deutschen Aberglaubens sie nennt, sagt folgendes zum Lied:
„Alle Lieder entstehen beim Menschen draußen in der großen Einsamkeit. Bald kommen sie zu uns wie ein Weinen aus tiefstem Herzensweh, bald wie ein frohes Lachen, entsprungen dem unwillkürlichen Gefühl der Freude über das Leben und die schönen Gefilde der Erde.
Ohne dass wir selbst wissen wie, kommen sie mit dem Atemzug, Worte und Töne, in nicht alltäglicher Rede.“
Ist das, lieber Andreas, nicht ein tiefes Menschheitsbedürfnis, sich an sich selbst gewissermaßen empor zu heben, den Göttern näher zu sein, berauscht zu werden von Wort und Ton, verzückt und entrückt, dass wir die Geister, die guten wie die bösen, sehen und ihre Kraft uns zu nutze machen ?
Ist Wort und Ton, ist der Gesang letztendlich ein göttliches Geschenk an uns Menschen, dem Schöpfer so ähnlich als möglich zu werden ?

Andreas Krüger:
Das Heillied hat mehrere Dimensionen. Jedes Lied kann Heillied sein, eine Mozartsonate genau so wie ein Wiegenlied, ein völlig erfundener Gesang wie ein vorgegebener.
Auch im Schamanismus kennen wir viele Heillied-Mantren, die seit wahrscheinlich Tausenden von Jahren ähnlich gesungen werden.
Dann gibt es natürlich noch das individuelle Heillied, das während einer Heilliedtrance aus einem selbst heraus entsteht, wo ES anfängt zu singen. Das kann vom Wolfsgeheul bis zum Kinderlied, vom Obertonsingen bis zur Arie gehen.
Wenn Es singt, ist alles möglich.
Wir benutzen das Heillied zum heilen. Andererseits ist das Heillied aber auch etwas, wie Du es schon ganz gut gesagt hast, ETWAS, das die Seele empor hebt. Wenn du singend betest, die Rassel bewegst, die Trommel schlägst, dann erlebst du schon, wie sich die Seele löst und wirklich empor steigt zu den Wolken.
Es stimmt, eine solche Entrückung in die nichtalltägliche Welt habe ich so bisher nur durch das Heillied erfahren.
Wenn man mich heute fragt, wann fühlst du dich am wohlsten, wann am freiesten, wann fühlst du dich dem Himmel am nächsten, würde ich zum jetzigen Zeitpunkt sagen, wenn ich singe. Vielleicht wird das in 10 Jahren ganz anders sein, vielleicht bin ich dann in die völlige Stille entrückt, aber hier und jetzt antworte ich: beim Singen bin ich dem Himmel am nächsten.

Frage:
Es heißt, Lieder haben die Kraft, sowohl Unheil abzuhalten, als auch Unheil zu bringen, also Tod und Verderben. In Indien hieß es, mit Liedern kann man Menschen überwältigen und sie kannten auch solche Sänger, die Fesseln sprengten.
Das erinnert mich an den Schrei des kleinen Oskars aus „Der Blechtrommel“, der Glas zerspringen ließ, das erinnert mich auch an den Sirenengesang, vor dem sich der Seefahrer Odysseus die Ohren verstopfen muss und sich an den Schiffsmast fesseln lassen muss, um nicht „überwältigt“ zu werden.
Wo ist Dir diese negative Kraft des Liedes (Tones) schon begegnet ?
Ich erinnere Dich auch an einen Vortrag von dir von Dr. Emoto mit seinem Wasserkristallexperiment, wo einmal eine ziemlich schrille Rockmusik und ein andermal Mozart dem Wasser „vorgespielt“ wurde.

Andreas Krüger:
Also ich bin mir sicher, wenn man Wasser beschallen würde, einmal mit dem Gayatri-Mantra und einmal mit dem „Horst-Wessel-Lied“, beide Wasserproben kristallisierte und unter dem Mikroskop anschaute, man ähnliche Unterschiede feststellen könnte, wie bei den Wasserproben Mahatma Ghandis und Josef Goebbels.
Lieder können töten. Wir wissen von Mantren, wir wissen von Kriegsgesängen, von Kriegsharfen der keltischen Druiden, die in der Lage sind, Töne als Schwingungen zu erzeugen, die beim Gegner die Köpfe platzen ließen. Kraft ist Kraft. Was ich mit dieser Kraft mache, hängt von meiner ethisch-moralischen Gesinnung ab. Du kannst mit Magie auch unendlich viele schlechte Dinge machen, unendlich viel Leid fabrizieren. Und du kannst mit deinen Liedern auch dem Messias einen Weg singen. Beides ist möglich. Eine Reise fällt mir bei deinem letzten Satz ein:
Seitdem ich das Heillied singe, habe ich häufig besonders bei meinen schwer kranken Patienten eine Vision von ihnen in der geistigen Welt: Ich finde sie an einen Pfahl mit dicken Seilen gebunden. Ich fragte meine Geisthelfer, was es mit dem Pfahl und den Seilen auf sich hätte ? Großmutter Spinne sagte: „Das sind der Pfahl des Schicksals und die Seile des Karmas.“ Und auf meine Frage, wie man diesen Patienten davon befreien könne, sagte die Spinne: „Da gibt es nur das Heillied.“ Wenn ich dann anfange, diese Menschen zu besingen, dann erlebe ich es schon zum Teil, dass diese Fesseln abfallen.
Die Kraft des Gesanges erleben wir ja auch in vielen Schöpfungsriten, wo eben nicht im jüdisch-christlichen Sinne am Anfang das gesprochene Wort sondern das gesungene Wort entsteht.
Es gibt auch im Hinduismus Schöpfungsmythen, in denen das große Geheimnis, die Welt durch ein „AOUM“ ersungen wurde, oder für alle unsere „Herr der Ringe“-Fans, wird in Tolkiens Spätwerk, seinem „Silmarillion“ offenbart, dass der große Schöpfergott „Illuvatar“ einen großen Gesang sang, indem er erst seine Untergötter besang, und dann mit diesen Untergöttern gemeinsam die restliche Schöpfung.

Frage:
Was erzählen Dir dann Deine besungenen Patienten ?

Andreas Krüger:
Es kommt natürlich schon darauf an, aus welchem Umfeld die Patienten kommen. Viele, die ich zum ersten Mal besinge, sind ohne Frage, irritiert. Aber ich habe ja keine meiner anderen Therapien deshalb ausgegrenzt seitdem ich singe. Ich behandle weiterhin homöopathisch, ich schicke sie zur Cranio-sacral-Therapie oder Akupunktur, wenn ich das für richtig erachte. Das Singen ist eher dazu gekommen. Ich kann nicht speziell sagen, ich habe die und die Krankheit zersungen oder jene Krankheit wäre nicht gewichen ohne das Singen. Das ist mir auch persönlich völlig egal, ob es allein mit dem Singen gegangen wäre. Ich habe da auch keine Beweisnot. Ich singe, weil ich von meinen Krafttieren aufgefordert wurde zu singen und wenn meine Geisthelfer und Krafttiere das zu mir sagen, dann tue ich es einfach.
Aber ich erlebe viele Patienten, die tief berührt sind, dass da jemand neben ihnen sitzt, ihre Hand hält, mit der anderen eine Rassel schlägt und dabei manchmal wie ein Wolf heult oder wie ein Hirsch röhrt. Und wenn wir das in der Gruppe machen, dann höre ich von vielen, welche Kraft, welche Herzensbewegung bei ihnen dabei entsteht.

Frage:
Zum Schluss wieder die Bitte um Ergänzung meiner Stichwörter:

Ein Mantram ist für Dich..

Andreas Krüger:
..... als wenn die Engel durch mich hindurch sängen.

Frage:
Singen im Wald ...

Andreas Krüger.
.... lässt mich manchmal glauben, dass die Bäume anfangen zu tanzen.

Frage:
Ein stummer Gesang...

Andreas Krüger:
.... ist oft wie der laue Wind der Ägäis, wenn ich am Strand meines geliebten Pilions sitze.

Frage:
Ein geflüstertes Wort ...

Andreas Krüger:
... ist oft wie das Knabbern an meinem Ohrläppchen.

Frage:
Ein Schrei ...

Andreas Krüger:
... kann Ausdruck von Lust eines geliebten Menschen sein, aber auch Ausdruck, dass mein innerer Krieger manchmal in die Schlacht ziehen muss.

Frage:
Mein Gesang soll...

Andreas Krüger:
... der Seele Flügel geben.
 

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