Frage:
Andreas, hast Du Dir je vorgestellt, 20 Jahre lang eine Homöopathieschule zu leiten?

Andreas Krüger:
…ja, als ich vor nunmehr 25 Jahren mit meinem damaligen
Beruf als Physiotherapeut und Leiter des väterlichen Sauna,- Bade- und Massagebetriebes merkte, dass dies nicht mein gänzlicher Lebensinhalt war, richtete sich mein Augenmerk auf eine Begabung, von der ich seit meiner Schulzeit wusste, nämlich die Gabe des inspirierten Sprechens. Ich schaute mich damals nach Berufen um, die mir eine Alternative zu meinem damaligen Dasein schienen. Da war einmal der Lehrer, primär für meine geliebte Geschichte, da war der Pfarrer mit meiner Tendenz zur Verkündigung, mit meiner Freude zu taufen, zu beerdigen, zu trauen. Und da war dann auch, nachdem meine liebe Mutter in ihrer Kur einen Heilpraktiker kennen gelernt hatte, die Idee, mich innerhalb der Medizin weiter zu entwickeln. Und es war mir relativ schnell klar, gefördert durch meinen wunderbaren Lehrer an der Heilpraktikerschule von Herrn Schwarz, Volker Rohleder, dass ich eben nicht nur Heilpraktiker sein wollte im Bereich des Heilens, des individuellen Heilens, sondern dass ich auch in mir Feuer spürte und eine Lust, Heilkunst zu lehren. Wie ein ehemaliger Schüler und dann auch Lehrer unserer Schule einmal sagte, heilende Vorträge zu halten.
Dass dies dann zu einer „eigenen“ Schule führte, die Anführungsstrichelchen sollen sagen, dass es ja nicht meine eigene Schule ist, sondern die des Fachverbandes Deutscher Heilpraktiker hier im Berlin- Brandenburger Raum, war vielleicht als Vision in mir vorhanden, nahm dann aber erst Gestalt an durch die große Förderung von KARL FRIEDRICH LIEBAU, damals Vorsitzender unseres Berliner Fachverbandes, der mich (auf Anregung meines alten Freundes Friedbert Käbisch) zu einer Versammlung einlud, an der einige ältere Kollegen teilnahmen. Ich kam als junger Spund da hin, hatte knapp die Prüfung als Heilpraktiker in der Tasche, knapp die eigene Praxis auf, war knapp Lehrer an der Heilpraktikerschule Schwarz, da fragte mich Karl Friedrich Liebau, ob ich denn eine Idee, eine Vision hätte vom Unterrichten, von Heilkunst. Denn der Fachverband wollte eine eigene Schule gründen. Damals schon, tief inspiriert durch HERBERT FRITSCHE, entwarf ich ein Bild eines Ortes, wo Menschen, wie ich es heute sage, in einem alchimistischen Kochtopf ihre Wandlung herbei brutzeln, wo wir lernen, miteinander zu streiten, wo wir mutigen Schrittes in die Seele hinein marschieren, um sie auszuloten in ihren Tiefen. Wo wir aber auch knallhart und sehr fundiert naturwissenschaftliche und klinische Grundlagen unterrichten.

Frage:
Lass mich das nachfragen.
Ich weiß, es gab Durststrecken, aber dennoch ist mein Eindruck, dass diese Verbandsschule erfolgreich arbeitet, erfolgreicher als viele andere Heilpraktikerschulen, auch andere Verbandsschulen mit gleich hohem Niveau, Zahl der Ausbildungsstunden und Therapien.
Was ist das Geheimnis?

Andreas Krüger:
Einmal denke ich, es ist wirklich diese Synthese, die uns gelungen ist von Anfang an, die mir auch sehr wichtig war: die Synthese von heilerischem Können ( an dieser Schule wird bis zur Praxisreife ausgebildet), dazu gehört die Arbeit am Leib (Shiatsu, Massagen, Fußreflexzonenarbeit), dazu gehört im Sinne unseres Namens die Homöopathie, primär die prozessorientierte Homöopathie, wobei wir auch alle anderen Homöopathierichtungen beleuchten, mit 800 Unterrichtsstunden. Dazu gehört auch die chinesische Medizin, sprich die Akupunktur, die hier an unserem Hause mit 280 Stunden auch bis zur Praxisreife ausgebildet wird. Dazu gehören Pflanzenheilkunde, Irisdiagnostik und vieles mehr, in das auf alle Fälle tief eingeführt wird. Man kann so viel sagen, ein Nebenfach an der SHS hat immer noch so viel Stunden wie ein Hauptfach an anderen Heilpraktikerschulen. Das ist der erste wichtige heilerische Teil unserer Ausbildung und auch unseres Erfolges. Der zweite wichtige Teil ist, dass wir wahrscheinlich auch wie keine andere Schule sowohl von Stundenanzahl wie vom Niveau her klinische Grundlagen, Diagnostik, Differentialdiagnosen, Anatomie, Physiologie und Pathologie hier anbieten, besonders geprägt durch den vielleicht unersetzlichsten Menschen an diesem Hause, meinen hochverehrten Bruder, ARNE KRÜGER, der einer der besten Lehrer ist, denen ich überhaupt in meinem Leben begegnen durfte.

Rausch:
Dem muss ich einfach zustimmen, er hat auch mich vor 10 Jahren sehr gut bis zur Heilpraktikerüberprüfung geführt, in der ganzen Art seiner Fragestellung und im Aufmerksam-Machen von Schwächen.

Krüger:
…und dass wir hier aus dieser Stofffülle heraus dann auch noch eine gute Vorbereitung auf die Amtsarztüberprüfung hier über in ganzes Jahr trainieren.
Und die Beisitzertätigkeit durch Arne, Dich, Marion, Ekkehard Dehmel, Anshu Güllmann, Luise Wackwitz, ist so eine zusätzliche Hilfe bei der Hürde Amtsarzt. Das Haus interessiert sich für seine erfolgreichen Schüler und schafft alle Voraussetzungen für eine glückliche Überprüfung.
Und dann gibt es noch einen dritten, vielleicht sogar mir persönlich wichtigsten Teil hier an unserer Schule, woraus uns offensichtlich Erfolg wächst: nämlich das heiler werden, einmal klein geschrieben, einmal groß geschrieben, des Heileranwärters selbst. An dieser Schule wird etwas gepflegt wie an keiner anderen: Der Werdeprozess des Heilers selbst. Wir sprechen von „heiler und Heiler werden, wir sprechen davon, dass die Homöopathie an unserem Hause „erlernt, erlitten und erlebt“ werden soll, also dieses ähnlich leidend werden, wie Herbert Fritsche es beschreibt. Oder wie er Immermanns Merlin zitiert mit den Worten: „Nur die Hand, die vor Leiden zuckt, kann Leiden heilen“.
Also der Prozess des Selbst-Kennenlernens der Figuren an unserer inneren Tafelrunde der Seele, sie wirklich riechen, schmecken, fühlen, sich mit ihnen auseinander setzen, sie integrieren. All dies zusammen macht unsere Schule zu etwas Einmaligem, zu etwas Besonderem. Diese drei Jahre alchimistischer Kochtopf, wie einer unserer Supervisoren es einmal weise nannte, zwingt den, der diese Räume betritt, in diesem Kochtopf zu kochen.
Zu nennen ist noch ein vierter Teil, der für viele Schülerinnen des Hauses sehr wichtig ist, nämlich dass es die Möglichkeit gibt, ein Jahr zu pausieren, und danach das verlorene Jahr kostenlos nachzuholen,
z. B. wenn ein Baby kommt.

Rausch:
Und Du hast etwas auch noch nicht gesagt, was an dieser Stelle einfach gesagt werden muss, weil’s ein Fakt ist: In den Heilpraktikerüberprüfungen der letzen 6 Jahre gab es im Raum Berlin- Brandenburg eine rund 70%ige Durchfallquote. Allein die Durchkommensquote der Schülerinnen der SHS betrug im gleichen Zeitraum 80%.
Lass mich noch einmal zur Supervisionen nachfragen, die ja nicht nur mit den Schülern stattfinden, sondern auch mit den Dozenten des Hauses. Warum ist es wichtig, sich in solchen Runden zu treffen?
Was ist für Dich in den Supervisionen sowohl der pädagogische als auch der heilende Effekt?

Krüger:
Ganz kurz und knapp: sich berühren zu lassen!
Ich möchte das nicht nur auf die Supervisionen beschränken. Ich möchte da die wunderbare Arbeit unseres Kollegen, HANS- JÜRGEN ACHTZEHN erwähnen. Er ist der Leiter des homöopathischen Ambulatoriums dieser Schule. Wir haben allein in der Homöopathie drei Ambulatoriums- Kollegen. Wir haben ein Ambulatorium für die Phytotherapie und für die Akupunktur ebenfalls. Also, die Möglichkeit des praktischen Erlernens der Heilkunst an diesem Hause ist immens. Aber gerade unser Kollege Hans- Jürgen Achtzehn hat ja durch seine Schattenarbeit, die er entwickelt hat, auch durch die von ihm ganz besonders entwickelte Patientenführung, viel dazu beigetragen dass wir hier so wunderbare Heiler heranziehen können. Aber selbst im normalen Homöopathieunterricht, im normalen Akupunkturunterricht, kommt man nicht um ein Berührt-Werden, um ein Sich-selbst-erfahren, herum.
Die Supervision an sich, ob für die Therapeuten, sprich Lehrer oder für die Schüler, hat dazu geführt, dass wir nun schon fast über ein Dutzend Jahre eine familiäre, eine harmonische Atmosphäre, bei durchaus entwickelter Streitkultur, an diesem Hause haben, die wiederum für mich einmalig ist. Auch wir haben Probleme, auch wir sind sehr unterschiedliche Individuen, auch wir haben Übertragungen, etc., aber durch die Supervisionskultur werden all diese Dinge, die an innerer Problematik, an inneren Fragezeichen, an inneren Konflikten entstehen, letztendlich in diesem supervisorischen Feld zum großen Teil gelöst. Und wir haben dann in großen Teilen des Unterrichtes, so erlebe ich es hier auf ganz besondere Art und Weise, eine Offenheit, eine Harmonie, eine Hingabe, die, durch die internen Probleme relativ unbelastet, einfach eine Tiefe zulässt, die ich sonst- und ich mache ja viele Seminare- nirgends erlebe.

Frage:
Ich habe in einem neuen Maorifilm („Wale rider“) heißt es vom Fürsten von Lampedusa, „Alles muss sich ändern, damit ALLES BLEIBT, WIE ES IST:“ Ein Paradoxon sicherlich. Kannst Du, wenn Du auf das Bleibende und das Verändernde Deiner Schule blickst, nach fast 20 Jahren, daran was festmachen?


Krüger:
Ich muss mit einem kurzen Ausflug beginnen. Ein berühmter Anthropologe hat mal gesagt, der Untergang des Menschen begann mit seiner Sesshaftigkeit. Das heißt, der Mensch, der noch mit seiner Umwelt in Einklang lebt, ist ein nomadischer., ein Mensch also, der nie lange an einem Ort verweilend, diesen auch nicht bebauend und zuscheißend, sondern, sich düngend fortbewegt und mit dieser Welt im Einklang lebt.
Bewegung ist Leben, eine Erfahrung, die ich jetzt nach meinem 49. Jahr heilsamst machen durfte. Ich habe nach 49 Jahren des Sitz- Fetichismus endlich in die Bewegung gefunden und walke jetzt chantend, gehe also Heillieder singend, täglich eine Stunde durch den Kudamm und seine Nebenstraßen und fühle mich so wohl, wie noch nie in meinem Leben.

Rausch:
…schön, dass Du das entdeckt hast…

Krüger:
Ja, ich entdecke also in mir den inneren Nomaden, der ich eigentlich bin, auf alle Fälle im früheren Leben schon mal war, als Indianer und Mongole. Und dieses In-Bewegung-Sein, ist das, was typisch und einzigartig ist an dieser Schule. Wir ehren das Alte, und wir ehren die Alten wirklich. Wir haben sie auf unserem Altar zu stehen, sie hängen an unseren Wänden, wir zitieren sie, wir ehren sie, wir knien vor ihnen nieder, wir verbeugen uns vor ihnen, sie schauen lächelnd und segnend im besten Hellingerischen Sinne auf uns herab. Das heißt auch, unsere Schüler lernen die Grundlagen der Homöopathie, sie lernen Miasmen, sie lernen die Grundlagen der Klinik, die Grundlagen der Akupunktur, sie lernen, sie lernen, sie lernen und ehren das Alte. Aber sie entwickeln sich aus dem Alten. Einem Satz von JÜRGEN BECKER folgend, der das Hahnemannsche „Macht`s nach, aber macht`s genau nach“, verwandelte in ein „Macht`s weiter, aber macht`s wahrhaftig weiter“, diesen Satz meines hochverehrten Lehrers, Jürgen Becker, von dem ich die Homöopathie lernen durfte und der mich zu dem inspirierte, was ich heute mache, diesen Satz haben wir uns zum Credo gemacht. Und er findet sich wieder in dem Namen, wie wir unsere Homöopathie rufen, nämlich PROZESSORIENTIERTE HOMÖOPATHIE. In diesem prozessorientiert blitzt das Nomadische unseres Geistes durch. Der Prozess ist Bewegung, der Prozess ist immer Rhizom, bereit, alte Plätze sofort aufzugeben, wenn sich neue Jagdgründe zeigen. Bereit, sein Pony zu satteln und davon zu reiten. Das ist das einzige Dogma unseres Hauses: nämlich dass es kein Dogma gibt. Keins. Dogma ist Sesshaftigkeit, Dogma ist Stillstand. Dogma ist das Ende des rhizomatischen Nomadentums. Und Prozess ist nur möglich ohne Dogma.

Frage:
Dann erübrigt sich zunächst meine weitere Frage und ich stelle die nächste:
Was würdest Du, wenn Dir heute noch einmal die Chance gegeben würde, eine Heilpraktikerschule zu gründen, anders machen als damals vor 20 Jahren?

Krüger:
Ich würde mir einen Architekten suchen, der mir eine Schule in Zeltform baut. Und ich würde mir einen Unterrichtsraum wünschen, groß oder vielleicht im Freien, bestehend aus einem mit Wein bewachsenen Laubengang, in dem ich laufend meine mit mir laufenden Schüler in bester altgriechischer Tradition unterrichten kann. Die alte Stoa, die im Grunde ein Laubengang war. Ich merke, dass das bewegte Lehren oft viel tiefer und weiter geht als das statische Sitzen im Lehren, und ich denke, dass das Zelt die Urform menschlicher Überdachung ist. Das ist mir ernst, auch wenn ich es scherzhaft ausspreche. Sonst wüsste ich eigentlich nicht, was ich anders machen würde. Ich kann wirklich sagen, mit dieser Schule, ihren Mitarbeitern, ihren Dozenten und ihren Schülern bin ich gänzlich zufrieden, und ich kann nur loben und danken, dass ich hier arbeiten darf. Ich habe heute, wir unterrichten nicht nur Heilkunst, sondern auch Vortragskunst, meinen Schülern gesagt, was ist es doch für ein Segen, hier Lehrer sein zu dürfen, wo man doch so viel Freude und so viel Stolz erlebt an seinen Schülern, wenn sie hier zum Beispiel ihre Vorträge halten. Ich habe darüber hinaus auch noch den besten Arbeitgeber aller Arbeitgeber, seit 10 Jahren, einen Vorstand aus Freunden, Gefährten, die dieser Schule und damit meiner Leitung eine Sicherheit, Konstanz und Unterstützung gewähren, die fast paradiesisch ist. Ich nenne diese Schule auch gern behütete Werkstatt oder auch eine Insel der Liebenden. Wenn ich sehe, was an anderen Schulen und in anderen Verbänden an Querelen stattfinden, wie sich andere Verbände an ihren Schulen teilweise bedienen, so ist dieser Vorstand, repräsentiert durch ARNE KRÜGER, MARIA von HEYDEN, BRIGITTE KÖRFER und MARION RAUSCH, eine Insel der Stabilität. Und ich wüsste gar nicht, wie ich arbeiten sollte, ohne einen solchen Vorstand hinter mir zu wissen. Das geht weiter, dass ich sagen kann, ich habe das beste Mitarbeiterteam, das ich mir vorstellen kann, angefangen von meinen Mitarbeiterinnen und Gefährtinnen im Büro, die mitarbeitenden Büroschüler, ein wunderbares Dozententeam, bei dem ich von jedem sagen kann, von jeder sagen kann, er ist Freund, sie ist Freundin, wo- übertrieben- jeder jeden behandelt, so dass unsere hochverehrte Supervisorin, ANNA BITTMANN, als sie hier zu uns an diese Schule kam, sagte, dass wäre ja eine außerordentliche Vermischung von Ebenen. Wo die Psychologen ja immer etwas kritisch drauf gucken, wo Anna aber nach 10 Jahren Dienst an der SHS sagte, es ist vermischt, aber es scheint außerordentlich effektiv und erfolgreich zu sein und es funktioniert.

Rausch:
..wie das Wasser im Fluss sich aus vielen Quellen halt vermischt.
Da lass mich doch noch die Frage, die ich übergangen habe, jetzt einfügen.
Es gibt in diesem Haus Räume und auch Zeiten, um kollektive und auch persönliche Krisen durch zu machen. Der Sinn für das Krisenhafte als Ressource scheint hier regelrecht erfunden worden zu sein. Und da muss ich doch noch mal fragen: setzt die Schule nicht zu sehr auf den Wandel, auf Veränderung, auf immer Neues als auf die Beständigkeit? Und just sagst Du mir etwas von einer Architektur der Beständigkeit, wenngleich auch am liebsten unter einem Zeltdach.

Krüger:
Ja, aber ich lobe Euch als Beständige, aber trotzdem ständig im Prozess Seiende. Keiner von all denen, die hier waren und noch sind, ist heute noch andeutungsweise so, wie er vor 10 Jahren war. Aber diese Wandlung ist eine gemeinschaftliche. Dieses Miteinanderziehen ist ein gemeinschaftliches. Und darum haben wir ja auch für unsere Familie hier an der SHS den Begriff des Schwarms entdeckt. Das Informationsblatt, das wöchentlich von mir ins Haus, in die Kurse kommt, in die Dozentenfächer gepackt wird, heißt nicht umsonst Schwarmtrommel, die Trommel, die den Schwarm zusammen trommelt. Beständigkeit, wo der Einzelne im Schwarm aber ständig in einem Wandel ist. Nomadische, rhizomatische, prozesshafte Beständigkeit.

Rausch:
Da kommt mir das Bild vom Fischschwarm in der Südsee, der auf irgendein geheimes Kommando einer Gefahr im Schwarm sofort ausweichen kann und der gegen Feinde im Schwarm besser geschützt ist als einzeln. Also das Rhizom nicht nur als erweiterndes Geflecht, das wächst und sich ausbreitet, sondern auch als festhaltendes Geflecht?

Krüger:
Ja, aber nicht durch Dogma, sondern durch Festhalten am prozesshaften Weiterentwickeln.

Frage:
Andreas, hier gehen gut ausgebildete Schülerinnen auf den breiten Markt der Selbstbehauptung als Heilpraktiker. Wir sagen immer, wir bilden zur Praxisreife aus. Dennoch wird der Kampf um das Halten einer eigenen Praxis auch für uns schwieriger. Nicht zuletzt, weil die auf uns alle zukommenden zusätzlichen Gesundheitskosten nun mal auch das Geld ist, das nicht in unseren Praxen ankommt. Sehe ich das zu pessimistisch für unseren Beruf?

Krüger:
Ich zitiere meine hochverehrte Chefin, stellvertretende Vorsitzende unseres Fachverbandes, langjährige Kollegin, erste Klassensprecherin des Hauses, MARIA von HEYDEN, mit dem schönen Satz: „Das Geld kommt durch die Tür.“ Und ich zitiere den Buddha, der sagt: „ Der Geist entscheidet, du wirst, was du denkst.“
Ich erlebe gerade ein großes Wunder, und ich bin ja ein Mensch, der an Wunder glaubt, der Wunder liebt, selbst in Zeiten von Verzweiflung und Dunkelheit. Und ich bin ein Mensch, der in seinem Leben unwahrscheinlich viele Wunder erlebt hat. Mir ging es im letzten Jahr nicht gut, ich war in tiefer Wandlung und in tiefer Heilkrise. Und bin dank vieler Freunde und Gefährten und vielen, vielen Helfern hier und anderswo, gestärkt, mit neuen Perspektiven, neuen Visionen, neuen Kräften, wie ich immer so schön sage, in die wilde Welt zurückgekehrt. Ja, ich muss mich auch schonen, weil ich mich überarbeitet hatte. Man überarbeitet sich viel leichter an Dingen, die einem Freude machen, Wohlstand herbeiführen und die auch durchaus einer gesellschaftspolitischen Vision entstammen. Ja, ich bin ein Selbstausbeuter, das bekenne ich. Ich hatte also in diesem letzten Jahr meine Arbeit, die Zahl meiner Patienten deutlich reduziert, und wie von selbst hatten sich die Anmeldungen in meiner Praxis reduziert, so, wie wir es alle erleben: was wir ins Feld geben, kommt zurück. Das, was ich heute ins Feld gebe, nach meiner Kur in der wunderbaren „OBERBERG- KLINIK“, am Großen Glubigsee, wieder geheilt, und froh, voll der Kraft, voll von so viel Kraft, wie vielleicht noch nie in meinem Leben, war die Botschaft: Ich bin wieder da! Und was passierte gestern in meiner Praxis in der Telefonsprechstunde, der ersten nach den Ferien: etwas, was ich noch nie erlebt habe, nämlich dass ich an einem Abend 13 Anmeldungen für Erstanamnesen hatte. So was habe ich noch nie erlebt. Und ich habe auch noch nie erlebt, dass an einem Praxistag, und gestern war der erste Praxistag, mir vier meiner Patienten ein Trinkgeld gaben, so oft, wie sonst in zwei Jahren nicht. Und bei mir kostet eine Zweitordination von einem halbwegs wohlhabenden Menschen 46,- €, und ich bekam vier Mal 50,- € überreicht mit dem Satz: „Das war es mir heute Wert! Und noch nie in meinem Praxisleben, ich habe einige Tausend Praxistage bisher hinter mich gebracht, sagten mir so viele Leute, „so gut wie heute sahen Sie ja noch nie aus. Sie haben sich aber gut erholt.“
Ich glaube nicht daran, dass ein guter nomadisch- rhizomatisch- prozessorientierter Heiler von irgend etwas bedroht werden kann, sei es eine noch so perverse Gesundheitspolitik, sei es eine noch so unsinnige, von Neidern entwickelte Umverteilungspolitik, etc. Wir sind Freie. Ich bin stolz darauf, ein Freiberufler zu sein, auch wenn uns jetzt die Sozialdemokraten mit Gewerbesteuer knechten wollen. Wir Nomaden werden ihnen davon reiten (lachen).
Ich glaube, ein Heiler unseres Hauses, gut ausgebildet und voll und erfüllt von diesem positiven Geist des Nomadentums, wird immer seine Herde finden, wird immer Weiden finden, die ihn ernähren und auf denen er sein Tippi aufschlagen kann. Wir wollen keinen Luxus, wir wollen keine Millionen, wir wollen Glück und einen vollen Topf zu essen, und den wird ein Heiler des SHS- Schwarmes immer finden und auch haben. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Es gibt inzwischen so viele ehemalige Schüler dieses Hauses, die mehr Geld verdienen als ihr alter Lehrer, der langsam seine Praxiszeiten zu reduzieren beginnt, um sich mehr der Gesundheitspflege, Wellness und chantentem Walken zuzuneigen. Und ich bin so stolz auf viele meiner Schüler, die inzwischen mindestens so erfolgreich sind wie ich, und ich mache mir inzwischen Sorgen, dass sie mir auch bitte bloß nicht in mein Burnout hinein folgen, vor dem mich zwar viele warnten, was ich aber nicht hören wollte. Ich warne meine erfolgreichen Schüler, und sie hören es hoffentlich. Nein, ich sehe keine Bedrohung für unseren Berufsstand. Ich sage mit Brecht: „sie schauen nicht, sie glotzen nur“. Und wir lassen uns von ihrem Glotzen nicht ängstigen.

Frage:
Anna Bittmann, die Supervisorin der Dozenten der SHS, sagte in einem Gespräch mit mir, dass sie hier, wenn sie uns supervidiert, „so arbeiten kann, wie sie ist“. Ich weiß, Du arbeitest auch so, wie Du bist. Die Vorteile dieses Prozesses sind auf der Habenseite dieser Schule, ich denke sogar, sie sind ihr Wahrzeichen. Wir alle hier arbeiten daran, wie Du es immer sagst, Andreas, „so zu werden, wie wir gemeint sind“. Was heißt das eigentlich?

Krüger:
Ich will nicht, dass jemand irgendwie wird, wie mein Bild von Mensch und Werden ist, sondern dass sich in ihm sein Geheimnis offenbaren kann, sein inneres Gold, seine Ressourcen. All unsere Arbeit hier ist zu tiefst lösungs- und ressourcenorientiert. Die Problemorientierung überlassen wir den Analytikern und den Politikern, die dürften auch mal lösungs- und ressourcenorientiert, visionsorientiert sein, was ja in unserer heutigen politischen Landschaft völlig fehlt. Ja, den Satz von Anna Bittmann kann ich unterstreichen. Ohne dieses Haus, ohne diesen Schwarm, hätte auch meine Verwandlung, hätte ich meine Katharsis in einigen Krisen, so nie überlebt. Dieser Schwarm trägt uns, dieser Schwarm schützt uns, dieser Schwarm nährt uns. Ja, hier darfst du sein, wie du bist, hier darfst du werden, wie du gemeint bist.

Frage:
Ich frage noch einmal in eine andere Richtung: Ist es, für uns Dozenten wie für die Schüler, die zukünftigen Therapeuten, nicht eben so wichtig, in die Tiefe, an die Wurzeln unseres Herkommens zu gehen, miasmatisch gesehen, der viel wichtigere Anteil von Krankheit, der chronische nämlich, da genauer hin zu schauen? Das Gewordene zu sehen mit seinen Ressourcen sicherlich, aber auch mit seinem Mangel. „Der Mensch kann, in Anlehnung an einen Satz eines großen Homöopathen, nämlich Arthur Lutze, doch nicht alles, was er will?

Krüger:
Ich muss dieses Zitat von Arthur Lutze ergänzen, denn der Satz, „der Mensch kann, was er will,“ den würde ich mit einem Fragezeichen versehen, so wie Du. Aber das Zitat geht ja weiter. „Der Mensch kann, was er will, er muss nur glauben und vertrauen“, sagt der Altmeister. Der Mensch kann tatsächlich, was er will, wenn er eine Religio, eine Rückbindung zu den Kräften seiner Familie, seines Volkes, seines Stammes, seines Schwarms, zu seinen Ahnen, hat, woran wir in unserer systemischen „IKONENARBEIT“ fundamental daran arbeiten. Der Mensch muss Rückbindung haben, die eben nicht nur auf die materielle Welt begrenzt ist, sondern er muss diese Rückbindung, wie die Schamanen sagen, auch zu den anderen Wirklichkeiten haben. Schamanistische Medizin ist ein wichtiger Posten an diesem Haus.

Frage:
Ich erlebe dich, Andreas tatsächlich „wieder richtig da“. Und auch sehr euphorisch und omnipotent.
Als ich meine Praxis aufmachte, vor fast 10 Jahren, gab mir eine Frau einen Spruch von einem unbekannten Heiler an die Hand, der da lautet:
„Wir können in den selteneren Fällen heilen, öfter noch lindern, meistens trösten.“ Wie hältst Du es inzwischen mit Deinem inneren Heiler: wie groß, größenwahnsinnig, wie klein, wie demütig, WIE ist er heute nach 20 Jahren?

Krüger:
Ganz spontan kommt mir ein Fritschezitat in den Sinn: Fritsche wird gefragt, wie der Homöopath sich verhalten soll, wenn er zu einem Kranken kommt, wo er eindeutig sieht, dass dessen Tod Gottes Ratschluss ist. Und er antwortet: dann soll er sich, mit der Arznei in der Hand entgegenstellen. Und Gott wird diese Rebellion mit wunderbareren Heilungen belohnen.
Ich habe mich im letzten Jahr viel mit Hiob beschäftigt und seiner Gottesanklage und seiner Gottesverzweiflung. Das sind Täler, die mir sehr wohl bekannt sind. Und ich behaupte, Gott liebt den hingegebenen Beter, ohne Frage, aber Gott liebt besonders den Rebellen. Ich lese Fritzsche wörtlich vor:
„Therapeutische Einweihung muss so oder so eines Tages der wie auch immer genannten Prosa gegenüberstehen. Sie ist ein Hüter der Schwelle. Wer demütig weise ist, resigniert an jener Schwelle. Wer wagnisvoll weise ist, wer das Unweise in seiner Weisheit aufzunehmen wagt, der greift auch hier zur Arznei und erwirkt Heil, indem er das, was Paracelsus das ENS DIE nennt, das göttlich Verhängte, im Krankheitsgeschehen erkennt, aber nicht anerkennt. Gott segnet solches nicht gottgefällige Tun oft durch das Amen gelungener Heilung.“
Diese Frage nach dem Ende unseres Tuns stelle ich mir nicht. Ich kenne Fälle von hoffnungslos krebsverseuchten Menschen, die nach einem Gebet am Grabe Theresas von Konnersreut nach 14 Tagen geheilt waren. Und sie haben gebetet, weil sie an ein Wunder glaubten. Ich habe eine Wunderheilung nach 20-jähriger Migräne durch ein Kügelchen Glonoinum erlebt. Ich habe Heilung von mich fast umbringender Lungenentzündung und mich
Monate lang quälender Schlaflosigkeit erlebt. Ich glaube an diesen Fritzschesatz. Und als Rebell, den ich gerne meinen inneren Ernesto Che Guevara nenne, weiß ich, dass Gott meine Rebellion segnet.


Im Gespräch mit dem Schulleiter der „Samuel- Hahnemann- Heilpraktiker- Schule“, Hp, ANDREAS KRÜGER, war MARION RAUSCH.

 

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