Vorwort zur zweiten Auflage
Klaus Jürgen Becker


Geniale Menschen liegen immer irgendwo außerhalb der Norm. Und man muss sie auch außerhalb der Norm lassen, weil sie sonst ihre Genialität einbüßen würden. Sie sind ein „Gesamtgewächs“, das man nicht beschneiden und auf Nützlichkeit reduzieren darf, weil ihr ganzes Wesen Ausdruck ihrer Genialität ist – nicht nur das, was das staunende Publikum an ihnen bewundert. Man muss sie als Gesamtgebilde nehmen – oder es sein lassen. Darum scheiden sich bei der Kunst auch die Geister: Der eine findet die Kunst genial, der andere abscheulich. Der Genius selber hat darüber nur selten eine Wahl. Er kann sich um ein gutes Marketing bemühen, aber nicht sich verändern – er würde sich verlieren und damit seinem inneren Auftrag untreu werden.
Ob wir uns mit einem Salvador Dali auseinandersetzen oder einem Christo, einem Richard Wagner oder einem Nietzsche, einem Osho oder einem Krishnamurti – jedes Mal werden wir vor das gleiche Phänomen gestellt: Diese Menschen passen in keine Norm. Und sie trachten auch nicht danach in eine Norm zu passen oder danach normierte Menschen zu schaffen. Wenn es überhaupt etwas gibt, zu der die Kunst ermuntern kann, dann dies, den Genius im Einzelnen zu wecken, ihn an sich selber zu erinnern, aufzurütteln aus dem Schlaf der Unbewusstheit und der kommerzialisierten zweitklassigen Triebbefriedigung.
Der Genius hat durch die Zaubertüre eines inneren Zugangs etwas gefunden und trachtet danach, es zu übermitteln. Für den Außenstehenden ist da diese Ungewissheit: Wird der Ausdruck dieser einzigartigen Wesenheit angenommen oder wird er abgelehnt? Doch der Künstler kann nicht anders als seine Kunst auszudrücken, wie er ist – Es überkommt ihn.
Natürlich gibt es auch Menschen, die sich wähnen, Genies zu sein und doch keine sind. Die Grenze zwischen Genie und Wahn ist bekanntlich dünn. Und sie wird dort gezogen, wo der Selbstausdruck beginnt dem Geist zu dienen. Kunst ohne Ich-Besessenheit ist frei von Wahn.
Der Künstler, und dazu gehört auch der Heilkünstler, ist ein Bote einer anderen Welt. Es ist seine Aufgabe zu vermitteln zwischen zwei Polen, dem Weltlichen und dem himmlischen Reich, zu dem er durch die Gnade einen Zugang erhalten hat. Er öffnet die Sinne für eine erweiterte Wirklichkeit. So eine Wirklichkeit kann verunsichern. Denn der Normalsterbliche hat diesen Zugang nicht.
Der Künstler bietet durch das Medium seiner Kunst einen Durchgang, ein offenes Tor zu einer anderen Wirklichkeit an. Und der Betrachter, Hörer, Leser oder Teilnehmer dieser Kunst muss selbst entscheiden, ob er über das Medium dieser Kunst auf den Schwingen des Künstlers aufsitzen möchte, ob er diesen Zugang als Durchgang nutzen möchte, oder nicht. Er ist eine Art Trittbrettfahrer und ob er aufsteigt oder nicht, hängt oftmals mehr von seinem Vertrauen als von seiner Sachkenntnis ab.
Der Normalsterbliche wird in der Kunst keine rationale Antwort auf seine logischen Fragen und Probleme finden und so ist die Ratio auch ein denkbar ungeeigneter Weg, um Kunst zu erleben. Die Ratio kann nur über etwas nachdenken. Sie ist nicht mittendrin, sondern nur dabei.
Kunst möchte erlebt werden. Sie möchte getrunken werden, wie ein Wein. Um Kunst trinken zu können, brauchen wir eine Haltung wie ein Kind, das staunend vor dem Kunstwerk steht, sich wundert, betrachtet, erlebt oder fasziniert ist und am Wunder des Zugangs durch die materielle Signatur des Künstlers teilnimmt.
Um in den Genuss von gutem Wein zu kommen ist es sinnlos, an der Flasche zu klopfen, wieder und wieder das Etikett zu studieren oder das Getränk begutachtend gegen das Licht zu halten. Wir müssen die Flasche entkorken, den inneren Mund weit öffnen und uns erlauben, dass der Wein uns berührt, uns verändert, uns trunken macht.
Auch in der Mystik wird Wein kredenzt und genau an diesem Punkt geben sich Kunst und Mystik die Hand. Der Unterschied zwischen Mystik und Kunst liegt natürlich in der Wertigkeit, die dem Heiligen eingeräumt wird, und so wird in vielen Traditionen sakrale Kunst betont, wo Mystik und Kunst einander nähren.
In Traditionen, die noch nicht von einem strafenden Gott ausgingen, wurde der Mystiker als der göttliche Mundschenk verehrt, der für die Gläubigen den göttlichen Wein erfahrbar macht. Yogananda schrieb ein Buch zu dem Thema: „Der Wein der Mystiker.“ Dieser Trank wird je nach Tradition Soma, Amrita usw. genannt, und es gab in der Vergangenheit viele Kulte, welche die Verbindung von menschlichem und göttlichem Wein bis in die Ekstase hinein feierten, wie beispielsweise der Dionysos-Kult. Die Grade der Ekstase sind dabei fließend und es gibt natürlich hochentwickelte Mystiker, die ganz auf den irdischen Wein verzichten, doch auch dies ist natürlich, wie überhaupt beim Wein, Geschmackssache.
Ein Mundschenk ganz eigener Art ist Andreas Krüger. In ihm vereinen sich Künstler, Mystiker, Heilkundiger und Mundschenk zu einer Person. Aus diesem Grund ist es angezeigt, einmal den Bogen zu der Heilkunst von Andreas zu schlagen, um später wieder auf seine Dichtung zurückzukommen.
Bei so manchem studierten Mediziner wird der Heilsauftrag dahingehend verstanden, den Menschen wieder „normal“ zu machen, damit er wieder „funktioniert“ und zu unserem Wirtschaftswachstum beiträgt. Diese Tätigkeit im Rahmen einer Produktionsgesellschaft hat natürlich mit dem Heilberuf eines Menschen vom Schlage eines Andreas Krüger herzlich wenig zu tun. Es ist ja gerade das „normierte Leben“, das uns krank macht und das unserer Rückverbindung zu unserer eigenen Originalität und Ursprünglichkeit entbehrt. Eine Brücke muss geschaffen werden zwischen „jener Welt“ und dem individuellen Ausdruck in „dieser Welt“, so dass Selbstausdruck und Selbstbestimmung von beiden Polen gespeist werden.
Die meisten Menschen beschäftigen sich nur mit „dieser Welt“ und kommen in ihr mehr oder weniger schlecht oder gut zurecht. Und dann gibt es jene, welche in „jene Welt“ flüchten wollen, aber leidvoll erleben müssen, dass ihre Luftwurzeln schlecht gedeihen. Statt der Flucht in die eine oder andere Welt bietet Andreas an dieser Stelle die Selbsterinnerung an, statt der Weltflucht ein Breitenwachstum: „Du bist mehr als du denkst!“
Angesichts materieller Notwendigkeiten fallen wir viel zu leicht in die Vergessenheit dessen, wer wir wirklich sind. Wir vergessen unser Potenzial, unsere Träume, unsere Erinnerungen und die Welten, die wir als Kind noch als so wunderbar erlebten. So manch einer wird als Original geboren und geht als Kopie in den Tod. Die leisen Stimmen der Unzufriedenheit suchen wir dann mit materiellen Ersatzbefriedigungen zu betäuben: Internetsex, Schokolade, Mode, dem neuesten Kick, Workoholismus – und bemerken dabei immer weniger, wie sehr wir drohen, der Stupidität zu erliegen. Hier ist nicht die rationale Intelligenz gemeint, diese wird ja gerade in unserer Zeit sehr gefördert, sondern der Zugang zu dem, was wir auch Seelenheimat oder Seelenintelligenz nennen können.
In dem Klima dieser Zeit tritt nun in Berlin ein „Weltenwanderer“ besonderer Art und Güte in seinem ganz eigenen Gewand auf: Andreas Krüger. Er übermittelt den Geist, als Heiler ebenso wie als Dichter, ungeschminkt und ohne falsche Etikette. Dadurch umgeht er den Verstand, der so gerne lebendige Lebensbäume zu Spanplatten des Denkens rationalisieren möchte. Doch wie nähert man sich seiner Kunst und wie ist sie überhaupt entstanden?
Andreas Krüger erfuhr seine erste Inspiration zu schreiben durch ein japanisches Haiku.

„Das Haiku entstand im 17. Jahrhundert als Herauslösung des Startverses (Hokku) aus dem Renga. Da der Renga-Startvers immer einen Hinweis auf die Jahreszeit (Kigo) enthalten musste, um den Zeitpunkt der Entstehung festzulegen, werden auch im Haiku meist Jahreszeiten und Szenen aus der Natur beschrieben. Ein Haiku besteht dabei aus einem Vers zu drei Wortgruppen à fünf, sieben und fünf japanischen Lautsilben (5-7-5), wobei diese sich nicht reimen müssen. Der erste große Haiku-Dichter war Matsuo Basho, dessen Frosch-Haiku wohl das meistzitierte Haiku der Welt ist:

„Der alte Weiher
ein Frosch springt hinein
das Geräusch des Wassers!“

Spätere Haiku-Dichter wie zum Beispiel Kobayashi Yataro brachen mit der 5-7-5-Form:

„Auf dem Seerosenblatt der Frosch
aber was macht er
für ein Gesicht?“

Mittlerweile gibt es auch deutsche Haikus, oftmals als Dreizeiler ohne Silbenzählung, da die Silben in der deutschen Sprache viel freier gebildet werden können als im Japanischen und daher nicht zwangsläufig einen Rhythmus ergeben. Das Haiku lebt davon, dass sich der Dichter darauf beschränkt, dem Leser einen einzigen sinnlich wahrnehmbaren Augenblick unmittelbar vorzustellen – ohne Titel, ohne Kommentar, ohne verschlüsselnde Sprache und ohne die Unmittelbarkeit störender Metaphern oder Vergleiche. Dem Leser bleibt es dann überlassen, den dargestellten Augenblick nachzuvollziehen und von sich aus zum inneren Anlass des Verses zu finden.“
Quelle: Wikipedia
Ein Haiku ist somit nichts anderes als ein „Andachtsbild mit Worten“, eine „dichterische Ikone“ und schon hier wird klar, worin die Liebe von Andreas zum Haiku wurzeln mag: Als „Weltenwanderer“ dichterische Ikonen in diese materielle Welt einzusäen, sie denen, die danach dürsten – und natürlich der eigenen Seele – zu hinterlassen. Und der Begriff der Ikone offenbart auch genau den Weg der Annäherung an die Dichtkunst von Andreas, den es braucht, um seine Kunst zu trinken.
Betrachten wir zunächst einmal ein auf den ersten Blick nüchternes und bei näherem Hinspüren doch so bouquetreiches Haiku von Andreas:

Ich warte auf sie
Zwei, drei , vier Rosenblätter
Fliegen durch die Luft

Drei Zeilen und ein welch ein Geschenk!
Es gibt Menschen, die sitzen einen ganzen Abend vor dem Fernseher, lassen sich berieseln und erleben nicht so viel, wie der Andächtige angesichts dieses Dreizeilers erfahren kann.
Normalerweise sind wir mit Informationen so überladen, dass die eigene Kreativität, das eigene innere Bilderleben erstickt wird. Und dann wird abends noch ein „Tatort“ draufgesetzt – da darf man sich nicht wundern, dass man am nächsten Tag wie gerädert aufwacht. Wir sind wie Fische, die im Ozean schwimmen und durstig sind. Warum den Fernseher anschalten? Trinken wir:

Ich warte auf sie

Normalerweise nehmen wir „ich warte auf sie“ als Information: „Was machst du gerade?“ - „Ich warte auf sie!“ Die vier Worte „ich warte auf dich“ sind hier jedoch nicht zur Information gedacht. Sie möchten einladen zur Reflektion, eigentlich sogar zur Besinnung. Und so ist auch die ganze Dichtung von Andreas zu verstehen: Als Einladung zur Reflektion, als Einladung, auf eine nonverbale Weise etwas in sich hereinzulassen, was die Seele nährt. Denn das Wesentliche liegt – wie immer bei der Dichtung von Andreas – zwischen den Zeilen.
Eine Besonderheit in dieser Form der Darstellung liegt in dem genialen Mix von völlig offen gelassenen Aussagen und dem ganz Konkreten. Dadurch erhält so ein Vers „Erdung“. Würde sich Andreas hier ganz im Numinosen verlieren, triebe so ein Gedicht den Leser in die Sucht nach dem Jenseitigen. Der „Witz“ – und jedes Haiku trägt in sich einen verborgenen Witz, sonst wäre es kein Haiku – liegt in dieser Mischung von unendlichem Raum und dem, was dem Leser Tag für Tag vor Augen liegt – ob es sich um Rosenblätter handelt oder, wie wir in einem späteren Gedicht sehen werden, um Schnee. Rosenblätter oder Schnee, eigentlich gewöhnliche Dinge, werden auf einmal zum Sinnbild für das Ungewöhnliche, das Außergewöhnliche, das Übergewöhnliche.
„Ich warte auf sie“ – ein völlig offener Denkraum. Jeder Leser erfährt in diesen vier Zeilen eine andere Assoziation: Für den einen ist sie eine aufregende Blondine mit langen Beinen für den anderen ist sie vielleicht eine Heilige, deren Darshan erwartet wird, der dritte sieht vor seinem Auge bildhaft seine geliebte Mutter, die von einer langen Zugfahrt heimkehrt, der vierte seine Enkeltochter, die gerade in den Ferien zu Besuch kommt.
Wer wartet? Und mit wem identifiziert sich der Leser: Mit dem weiblichen Wesen, das erwartet wird oder mit dem oder der Wartenden? Vielleicht ist der männliche Leser mehr geneigt, sich in die Rolle des Wartenden zu versetzen und die weibliche Leserin mehr in die Rolle der Erwarteten – doch wer weiß? Es ist schön, dass hier so ein großer Rahmen gesetzt ist und man könnte dieses Haiku auch wunderbar für eine Phantasiereise verwenden oder als Einleitung für ein Beratungsgespräch, sagt doch das Bild, das der Leser assoziiert, sehr viel über das aus, was in ihm ersehnt wird.

Zwei, drei , vier Rosenblätter
Fliegen durch die Luft

Die nächsten beiden Zeilen sagen nichts über die Verfassung des Wartenden. Dies würde nur Schubladen unseres Denkens bedienen. Wir Leser wären der Poesie beraubt. Stattdessen erfahren wir etwas über die Natur – und können damit Rückschlüsse auf den Wartenden ziehen. Wir bekommen ein „Klima“ vermittelt.
Man sagt, dass früher Mensch und Natur eins waren. Märchen künden noch davon. Wenn das Kind im Haus krank war, blühte der Baum nicht, das Wasser im Teich war fad und umgekehrt. In Märchen wie z. B. dem „Teufel mit den drei goldenen Haaren“ erlöst der Held die Dörfer, indem er den Auftrag gibt, die Kröte, die das Wasser abgräbt oder die Maus, die an der Wurzel nagt, zu töten. Das Märchen zeigt uns noch, wie sehr alles, was existiert, Mensch inklusive Natur, über das morphische Feld miteinander verbunden ist, ein Es-ist – und die Gedichte von Andreas zeigen es auch, sie laden den Menschen ein, vom „draufschauen“ hineinzugehen in die lebendigen Wohnstätten und Landschaften der Seele, welche Andreas in seinen Gedichten skizziert.
Wir als Mensch haben hierbei die Wahl, ob wir uns als eingebettet in die Natur erleben – dann erleben wir uns in Einklang mit den Rhythmen der Gestirne und der Natur oder ob wir einen „Sonderschein“ leben wollen, indem wir der Natur diametral entgegengesetzt leben und unsere Ökologie und damit den Ast, auf dem wir sitzen, vernichten. Das Haiku von Andreas erinnert an diese Verbindung. Es präsentiert in der Natur das Klima, das in der Psyche des Menschen seinen Widerhall findet:

Zwei, drei , vier Rosenblätter
Fliegen durch die Luft


Wenn wir diese beiden Zeilen auf uns wirken lassen, können wir möglicherweise fühlen, wie dieses Warten einen Rahmen voller Rosen bekommt. Es handelt sich zwar nur um ein bis vier Rosenblätter, aber die Verwendung dieser Sparsamkeit inmitten dieses offenen Raumes schafft eine Fülle, die nicht beengt und nicht erstickt, sondern frei atmet, eine Fülle, die dreidimensional ist wie ein „literarisches Hologramm“. Vielleicht glauben wir sogar den Duft der Rosen atmen zu können, während wir das Haiku lesen, so als wenn diese Zeilen mit echtem Rosenwasser parfümiert wären. Dieses liegt auch an der Kraft des Sinnbildes: Zwei, drei, vier – köstlich.
Aus der Kaballistik wissen wir, dass jede Zahl eine Urqualität repräsentiert. Hierbei bedeutet die Eins die Einheit, die Zwei die Dualität des Menschseins, welches sich auch in der Mann-Frau-Beziehung wiederspiegelt, die Drei die Vereinigung der Gegensätze („conjunctio oppositionem“) und die Vier die materielle Welt mit ihren vier Himmelsrichtungen, vier Elementen usw. Immer ist es die Vier, welche die Basis schafft für das eigentliche Erleben, den „event“. So entzünden wir Advents-Kerzen vor Weihnachten: „Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier – dann steht das Christkind vor der Tür“ sangen wir noch als Kinder.
Der Kunstgriff in diesem Haiku besteht nun darin, dass die eins weggelassen wurde. Dadurch wird der Leser selber zur „eins“. Der Leser selber wird zum „ersten Rosenblatt“, er assoziiert „ja da muss doch ein erstes Rosenblatt sein“, ergänzt es stillschweigend und erschafft es dadurch in sich selber. Und von da heraus beginnt er den Rosenduft zu riechen. Würde das Haiku lauten: „Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier“ wäre der Leser draußen aus dem Bild, das Haiku würde nicht duften. Aus diesem Grund kann man nur empfehlen, sich jedes Gedicht von Andreas auf der Zunge zergehen lassen, statt es halbzerkaut herunterzuschlucken. Vielleicht haben Sie einmal die Erfahrung gemacht, einen köstlichen Bissen nicht zu kauen, sondern im Mund zergehen zu lassen – im „auf der Zunge zergehen lassen“ erkennen wir das Wunder, dass wir selbst der Ursprung aller Sinnesfreuden sind, nicht das, was wir zu uns nehmen. Es braucht so wenig um glücklich zu sein – „zwei, drei, vier Rosenblätter“ und die Welt beginnt um uns zu duften und zu singen.
Für den Rationalisten besteht die Welt nur aus dem, was er mit seinen Sinnen wahrnehmen und logisch analytisch, auf Nutzbarkeit geprüft, verwenden kann. Doch die Gedichte von Andreas laden dazu ein, diese Welt einmal wie ein verzaubertes Märchenland zu betrachten, das uns an jeder Ecke kleine Geheimnisse offenbart. Dies zeigt auch das folgende:

Erster Schnee – wie zart berührst Du meine Seele.
Wie liebevoll deckst Du zu die Wunden der Welt.
Wie rein machst Du die Seelen der Zweifelnden
Wie oft fragte ich mich: Was bist Du, weil Du mich so berührtest.
Bist du Federn von Engeln, die zur Weihnacht so niedrig fliegen
oder, bist Du die gefrorenen Tränen des Messias,
die er weint aus Vorfreude über sein Kommen.
Egal was Du bist, ich liebe Dich erster Schnee.

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Der Logiker würde sagen: Was macht denn der Andreas für ein Theater, es handelt sich doch nur um Schnee, chemisch H²O, Punkt, fertig, aus. Doch wenn wir uns an unsere Kindertage erinnern, dann wissen wir vielleicht noch, dass uns damals Schnee mehr bedeutete als einfach nur H²O. Unsere äußere Welt wurde verwandelt und unsere innere Welt berührt.
„Erster Schnee, wie zart berührst du meine Seele“ – wie gehen wir mit diesem Satz um? Vielleicht so, wie wir es gewohnt sind, mit ungewohnten Dingen umzugehen? Befremdet, scheu, zurückhaltend, mit einem „da hab ich jetzt aber wirklich keine Zeit für“? Ja wofür haben Sie denn dann Zeit, wenn nicht für sich selber, für das, was in Ihnen anklingt?
Wir können natürlich über so einen Satz lächeln oder tuscheln, aber verhalten wir uns dann nicht genau wie unreife Teenager, die sich über küssende Paare lächerlich machen, weil sie noch nicht wissen, wie es ist zu küssen?
Wir kommen in den Genuss der Dichtkunst von Andreas nur, wenn wir ihn, wie einen Traum, auf uns selber beziehen, ihn zu uns hereinnehmen. Dies tun wir, sobald wir uns fragen: „Was ist für mich der erste Schnee? Welche Assoziation habe ich dazu?“
Für eine Klientin war der „erste Schnee“ gleichbedeutend mit dem ersten Liebesakt, den sie mit ihrem ersten Freund erlebte. Sie wurde gleichsam zart berührt, wie erster Schnee und ihre Seele öffnete sich für ein erfülltes Sinnesleben.
Natürlich kann ich mich auch fragen: „Wann wurde ich das letzte Mal zart berührt?“ Und wenn Ihre Antwort ist: „Das war aber lange her“, könnte man dem entgegnen: „Dann wird es aber langsam Zeit, dass der erste Schnee wiederkommt!“ Woran mag der „erste Schnee“ noch erinnern?
Im Zen gibt es einen wunderbaren Ausdruck, der in etwa so viel heißt wie „beginners mind“ oder auch „Anfängergeist“. Damit ist etwas besonders wertvolles gemeint. In unserer funktionalen Welt glauben wir, es sei wichtig, alle Routinen unter Kontrolle zu haben, ja kein Anfänger zu sein. Dies mag bei Routineangelegenheiten auch angemessen sein, aber wo es um die Muse geht, wo es darum geht, die Seele und auch die Sinne zu nähren, brauchen wir den „beginners mind“, d.h. so tun, als wüssten wir noch nichts darüber. Und genau das ist „erster Schnee“ – den Schnee so zu betrachten, als hätten wir noch nie erlebt, dass es schneit, als wären wir ein Afrikaner aus dem Urwald, der erstmals in seinem Leben das Wunder von Schnee erlebt.
Es gibt ein Sprichwort, das lautet: „Ein junges Mädchen sollte versuchen, wie eine reife Frau zu küssen und eine erfahrene Frau sollte versuchen, wie ein unerfahrenes Mädchen zu küssen.“ – Genau das ist „erster Schnee“. Und so können uns diese Zeilen inspirieren, die Schönheit unseres/unserer Geliebten, den Sonnenaufgang, einen Spaziergang mit den staunenden Augen eines Kindes zu betrachten – so wie „ersten Schnee“.

Wie liebevoll deckst du zu die Wunden der Welt!

Es gibt einen Zustand, den ich die „Energie der Unschuld“ nenne. Diese Energie hat nichts mit äußeren Gegebenheiten zu tun, sie ist ein Zustand des Herzens, eine innere Bewegung, in die wir gehen können und die höchste Heilkraft hat. Jesus muss die Leute mit der Energie der Unschuld angeschaut haben, als er geheilt hat und Buddha als der Mörder vor ihm auf die Knie gefallen ist.
Weiß ist seit alters her die Farbe dieser Unschuld. Bei den Sufis ist es Tradition, den Esslöffel verkehrt herum zu decken, also mit der Unterseite nach oben. Damit wollen sie ausdrücken: Lasst uns heute unsere Streitigkeiten zudecken. Wir können es uns richtig vorstellen, wie der Schnee herab fällt auf die grauen Straßen, braunen Häuser und Landstriche, die so viel Schönes, aber auch so viel Hässliches gesehen haben. Und der Schnee deckt jetzt all diese Dinge zu. Wie Pflaster, welche eine Wunde schützen, damit sie heilen kann.
Und wieder können wir auch diese Zeile auf uns selbst beziehen. Wo sind wir bereit, liebevoll die Wunden der Welt, die eigenen Wunden und die Wunden unserer Mitmenschen, Partner, Expartner, Leidenden zuzudecken? Und wo stochern wir darin herum oder zerfleischen uns selbst, als wenn das Menschsein nicht schon genug weh täte? Wie zart im Vergleich zu der Selbstkasteiung unseres Perfektionswahns das Bild aus dieser Zeile. „Wie liebevoll deckst du zu die Wunden der Welt!“ Vielleicht denken wir dabei an eine Mutter, die ihr Kind liebevoll zudeckt. Das Kind ist vielleicht müde oder krank oder hat sich beim Spielen das Knie aufgehauen. Und die Mutter deckt das Kind zu, damit es über Nacht einschlafen und Kraft sammeln kann. Und auch hier können wir Therapeuten von den Müttern lernen, dort wo der Patient verwundet ankommt, auf die eigene Gelehrsamkeit zu verzichten und einfach erst einmal zudecken. Welch eine liebevolle Geste.

Wie rein machst du die Seelen der Zweifelnden!

Zweifel entspringen einem lauten Verstand, der das Räderwerk der Gedanken dreht, nur um nach erhaltenen Antworten wieder neue Zweifel zu stellen. Meditierende, welche den Verstand überwunden haben, berichten immer wieder, dass eine große Stille auf sie hernieder gekommen ist, vielleicht so, wie ein zarter Schnee, der die Denklandschaften zudeckt und den Lärm der Maschinen dämpft.
Was aber erleben wir in der Stille? Wir erleben, dass alles „ist“. Kein Verstand – keine Worte, kein Wasser – kein Mond. In dieser Stille beginnt etwas in uns umzuschalten. Wir kommen in Kontakt mit unserer ursprünglichen Reinheit, die wir nie verloren hatten, die einfach nur überdeckt war vom Lärm der Welt. Und so hilft uns der „erste Schnee“ wieder zu unserer Unberührtheit zurück, zu unserer Unschuld und wir können sie wieder erinnern. Die Parasiten des negativen Denkens lassen los, weil wir unseren Geist auf Stille umgeschaltet haben, so wie ein Produktionsbetrieb seine Maschinen ausstellen kann. Die Reinheit und den Frieden, den wir suchen, finden wir nicht in Moralismen, sondern in dem „peace of mind“, der im Schnee versinnbildlicht ist.

Oft frage ich mich, was bist du, dass du mich so zart berührst!

Dies ist menschlich verständlich: Der Verstand würde diese Erfahrung gerne festhalten, indem er sie in eine Begrifflichkeit einsperrt. Doch genau dadurch würde sie getötet, so wie eine Blume beginnt zu welken, sobald sie abgeschnitten und in eine Vase gestellt wird. Vielleicht entspricht der „erste Schnee“ ja auch jener Berührung mit dem Soma, der göttlichen Trunkenheit, dem flüssigen Licht, von dem die Mystiker berichten, dass es erbebend und doch zugleich so unendlich zart uns durchströmt und die Zellen nährt.
Der Verstand denkt: „Wenn ich dieses wunderbare Gefühl benennen kann, dann kann ich es wiederproduzieren“, doch er wird, selbst wenn er dafür einen Namen findet, nur die Vorstellung von dem Gefühl in Erinnerung rufen können – den Weg zur Erinnerung muss der Betreffende immer wieder aufs Neue gehen. Jeder Tag kann ein erneuter „erster Schnee Tag“ sein – dann bleibt auch die Unschuld gewahrt, welche keine Frage von moralischen Taten, sondern einer inneren Haltung ist, ein innerer Ort, aus dem heraus wir leben können. So schrieb Nietzsche sehr schön in Zarathustra: „Die Religionen raten euch, die Sinne abzutöten – ich aber empfehle euch die Unschuld der Sinne!“
Es ist der menschlichen Spezies zueigen, Worte zu benutzen und es liegt an uns, ob wir sie benutzen, um den Geist zum rotieren zu bringen, oder ob wir sie verwenden, uns an die Stille, Unschuld, Reinheit zu erinnern. Die Lyrik ist eines der geeignetesten Mittel, den Geist wiederzubeleben, wieder und immer wieder.

Bist du Federn von Engeln, die zu Weihnacht so niedrig fliegen
oder bist du die gefrorenen Tränen des Messias, die er weint
aus Vorfreude über sein Kommen?

Wir können diese Zeilen auf vielerlei Weisen verstehen. Wieder haben wir die Einbettung der Dichtung in die Symbolik eines Klimas – möglicherweise ist es kurz vor Weihnachten. Engel künden sich an. Wir feiern bald die erneute Geburt Jesu und er freut sich, weil er die Welt (wieder einmal) erlösen darf. Doch reflektieren diese Zeilen auch möglicherweise auch uns selber. Wir fühlen uns berührt von etwas Erhabenem, was wir nur mit den Federkleidern der Engel umschreiben können und sind berührt, weil der Messias durch uns kommen möchte, ja vielleicht weil er vielleicht diesmal durch uns kommen kann, weil wir in uns den Raum gelassen haben, ihn zuzulassen, die Weite, die Unschuld, die Reinheit und die Leere.
Jedes Lied eines Weltenwanderers singt von seinem Leben, dem, was durch ihn geworden ist und beinhaltet Höhen und Tiefen, Profanes wie Erhabenes, schlägt verschiedene Tasten an, so wie ein Klavier viele Oktaven hat oder auch Wasser vielerlei verschiedene Aggregatzustände, vom Eis bis zum Wasserdampf. Und so bietet auch die Dichtung von Andreas Wein verschiedener Schwere und Erhabenheit, je nachdem, wie uns zumute ist und was unserer Seele gerade Labsaal bereitet. Und hier wird gerade in der Phantasie des Lesers erstaunlich viel geboren, ja sie wird sozusagen durch die Dichtung von Andreas geradezu restimuliert, wie jahrzehntelang eingeschlafene Bewusstseinsfüße, die auf einmal wieder zu laufen beginnen. Viele der Verse von Andreas erinnern an Mythen der Kindheit oder einer Anderswelt, die wir nur noch aus Sagen kennen – obwohl sie vielleicht realiter existiert, wer weiß? Und doch gelingt es gerade in der äußerst empfindsam gehaltenen Dichtung von Andreas, mit Hilfe von Fabelwesen das Menschliche und Allzumenschliche in einem Maße zu transportieren, wie dies mit menschlichen Analogien kaum vorstellbar wäre:

Langsam wendete der Zentaur seinen Kopf
und blickte zurück auf das warme Meer.
Eine blutige Träne rann über seine Wange,
als er sich daran erinnerte, wie er auf den Kämmen
der Welle tanzte und er hörte noch,
die Lieder der Freude.
Als der Falke über ihm den Himmel kreuzte,
trabte er los in die Kastanienwälder seiner Heimat,
um auf dem höchsten Berge den Göttern zu opfern.
Laue Winde streichelten seine Wangen.


So eine Dichtung kann man nur als Stimmungsbild auf sich wirken lassen, als Ikone sozusagen. Das Sinnbild des Zentaurs weckt in uns dabei vielleicht Analogien und Emotionen, die wir angesichts von Leiden und Härten des Lebens nur allzu gerne in unserer „zu hart für diese Welt“ Ecke versteckt halten. Doch der Zentaur konfrontiert uns auch mit Lebensfreude und Lebenslust. Wir denken dabei vielleicht an die Freude, die ein Hengst auf freier Wildbahn empfindet oder wenn er seine Stute besteigt. Wie ist es denn mit unserer Lebensfreude und Lebenslust bestellt?
Aber sie feiern nicht nur, sie weinen auch. Das Gedicht heißt bezeichnenderweise Abschied: Und unser Zentaur weint nicht Wasser, er weint Blut. Er ist nicht so gekünstelt und gepanzert wie wir Menschen, die aufpassen, damit uns ja nichts berührt oder gar verletzt in dieser grausamen Welt. Sie sind nicht lauwarm und berechnend, sondern empfindungsfähig und verletzlich, genau so, wie es vielleicht unsere Seele ist und wie wir auch wären, wenn wir es nur zulassen würden. Welcher Mensch zeigt heute schon seine Trauer – ohne Berechnung, ohne Scham, erlaubt, dass sie sich durch ihn zeigt?
Die Analogie des Zentaurs mag auch an Chiron erinnern, den verletzten Zentaur, der aber genau aufgrund seiner Verletzung heilen konnte. Und so ermuntert der Zentaur in dem Gedicht uns, in unserer Vitalität unmittelbar, spürbar und in unseren Emotionen unverfälscht zu sein.

Als er sich erinnerte, wie er auf den Kämmen der Wellen tanzte und hörte noch die Lieder der Freude

Hier finden wir auch eine Analogie zu Pegasus, dem geflügelten Pferd, das aus dem Meer kommt. Freude ist notwendig, um heilen zu können, ebenso wie Mitgefühl, sonst würde es unerträglich. In vielen Traditionen hängen deshalb Lebenslust und Heilkunst auch unmittelbar zusammen. Aus der Freude nehmen wir die Kraft, um zu heilen, uns und andere – woher denn sonst? Und aus der Freude nehmen wir auch die Bereitschaft für die Erde, die Menschen einen Dienst, ein Opfer zu erbringen – zusammen feiern, zusammen arbeiten, zusammen siegen.
Wir erleben hier einen Zentaur, der voller Lebenslust sich selber lebte und liebte ohne auf Notwendigkeiten zu achten – und auf einmal wird er in die Pflicht gerufen. Es ist das Sinnbild des Jesus im Garten Gethsemane, das sich in folgendem Vers zeigt:

Als der Falke über ihm den Himmel kreuzte,
trabte er los in die Kastanienwälder seiner Heimat,
um auf dem höchsten Berge den Göttern zu opfern.
Laue Winde streichelten seine Wangen.

Der Falke, der über dem Himmel kreuzt versinnbildlicht Scharfblick, „jetzt ist der Augenblick der Besinnung“. Der Zentaur muss zurück in seine Heimat. Er hat die höchsten Freuden genossen, nun muss er auf dem höchsten Berge das Liebste opfern: Sich selbst – alles, was er ist und woran er gehangen hat, seine Identität, sein „Ich“.
Doch er findet Annahme und Unterstützung in seinem Opfer: Die Winde, die ihn in seiner Wehmut und Einsamkeit (sich selbst opfern macht einsam) umschmeicheln und streicheln, sind lau. Er nimmt sein Opfer an, weil es zu ihm gehört, so wie auch die Freude zu ihm gehörte, weil beides seinem Wesen entspricht. Und darin mag er vielleicht Trost finden.
Seelischen Trost, Nährung, Bilder zu anderen Wirklichkeiten präsentiert Andreas hier mit seinem vorliegenden Band. Wollte man all die hier skizzierten Bilder malen, es würde Bände füllen.
Bei all dem Staunen über die wundersamen Haikus und Gedichte von Andreas darf man einen Aspekt nicht übersehen. Es ist der hohe Stellenwert, den die Begrifflichkeit der Treue in seinem Leben wie in seinen Gedichten einnimmt. Da gibt es die Treue gegenüber sich selbst, die Treue gegenüber dem Leben/Gott und die Treue gegenüber dem Verbündeten, die Bündnistreue. Hier finden wir eine Qualität vor, die uns in der heutigen Zeit der Individualisierung und des technischen Fortschritts oftmals abhanden gekommen ist. Es geht um das „Rudelbewusstsein“, die Erfahrung, dass wir mit unserem inneren Weg, so exotisch er sein mag, Verbündete haben, die wie ein Schwarm von Vögeln oder Delfinen mit uns fliegen bzw. durch die Meere der Zeit reisen. Es geht hierbei nicht um die physische Familie, jene hat natürlich ihren eigenen Stellenwert, sondern um die seelische Sippe, um Vasallen und Bundesgenossen, die miteinander durch Zeit und Raum surfen. Ein Tierrudel schützt sich, indem es sich bei Gefahr zusammen kauert und bei der Futtersuche gemeinsam ausschwärmt. In einem Tierrudel darf jedes Tier sein „wie es ist“, es muss sich nicht verbiegen, verkrampfen oder zusammenreißen, um anderen gefällig zu sein. Jedes Rudelmitglied erhält seinen Wert und seine Wertschätzung innerhalb dessen was es ist und fühlt sich „gesehen“. Sich als Mitglied eines solchen Rudels zu erleben, befreit von dem Schmerz der Einsamkeit in der Anonymität einer modernen Welt, entlastet die Mann-Frau-Beziehungen des Einzelnen, die sich nun eingebettet in etwas Größeres erfahren und ermutigt das eigene Leben - unterstützt von Wesen, die einander kennen, einander lieben und auch individuelle Eigenarten annehmen und liebevoll integrieren können. Die Wirkkraft eines solchen Rudels erstreckt sich in seiner ganzen Bandbreite von dieser bis hin zu jener Welt und ist auch in der Ferne spürbar. Andreas ist Führer eines solchen Rudels oft gewesen und auch in diesem Leben bietet er seinen Mitstreitern, Mitreisenden, Mitliebenden diese Bündnistreue an.
In einer alten Tradition ist es Sitte, sich gegenseitig zu füttern, als Sinnbild dafür, miteinander Freude und Leid zu teilen. Wer Andreas gerade nicht live erleben kann, dem bieten seine Gedichte Fütterungen aus dem Land seiner Seele.
Ich danke Dir Andreas für dein wunderbares Sein, dass ich immer wieder erfahren durfte, deine Freundschaft, dein Lachen und deinen Beitrag, der du bist.
Und ich wünsche Ihnen als Leser dieses Werkes Stunden der Muße, der Andacht, der Reflektion, der Selbsterinnerung. Möge Ihre Seele berührt sein, heilen, erinnert sein. Möge dieses Werk für Sie in Stunden der Einsamkeit, der Trauer, des Überwältigtseins vom „Lärm der Welt“ aber auch in Zeiten der Muße, der Freude und der orgiastischen Tänze ein wertvoller „Bücherfreund“ und „Türöffner“ zu den geheimen Schatzkammern Ihrer eigenen Seele sein.

Klaus Jürgen Becker
Seefeld, März 2006
 



In Freude und Schmerz
Nach 50 Jahren
Mögest Du bewahren
Dein offenes Herz

Jens Brambach



Verändere Dich immer –
bleib wie Du bist –
sei groß!
Ich werde Dich lieben –
immer!

Petra Thiele
 




 

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Geleitwort zur ersten Auflage
Rosina Sonnenschmidt

Shanteniketan, ein kleines, unbedeutendes Dorf Anfang des 20. Jahrhunderts, nicht allzu weit von Kalkutta entfernt. Man singt, man dichtet und man begegnet sich auch bei den alltäglichsten Verrichtungen singend, lächelnd und Verse aus dem Stehgreif dichtend. Auch der Kastenniedrigste versucht sich in der poetischen Sprache. Abends gemeinsamer Tanz, sich berührend, zaghaft, alte Kastenordnung auflösend, ja, Grenzen der geltenden Gesellschaftsordnung überschreitend. Eine neue Heilkunde wird entdeckt: Medizin und Poesie, Musik und Tanz.
Eine Fiktion? Nein. Tatsachen. Eine Idee des friedlichen Umgangs miteinander, verwirklicht von keinem Geringeren als Rabindranath Tagore, dem Poeten, Schriftsteller, Musiker, Komponisten, Philosophen, Querdenker und Friedensstifter. Für seine Idee und Praxis bekam er 1936 den Friedensnobelpreis.
Tagore rief durch seine Idee helle Empörung in einem Land hervor, in dem man sich friedlich gibt, aber Betonmauern zwischen den Menschen als Kastensystem aufgebaut hat – Indien.
Was für eine Idee, mit Liedern und Versen Menschen zu begrüßen, zu ehren und zu heilen?!
Etwas zutiefst Nutz-loses und doch Sinn-volles ließ damals die Welt aufhorchen. Drei Jahre später brauchte die Welt noch einmal eine Runde Nutzloses und Sinnloses in Gestalt eines barbarischen Krieges, wo Lieder Hirne verwirrten und Worte töteten.
Fünfzig Jahre nach dem Holo-Causticum treibt eine Idee friedlichen Umgangs miteinander wieder zarte Blüten. Durch Seelengesänge, durch einen Vertreter der Heilkunst, Andreas, der sich traut, Gedanken in Worteschwünge zu gießen. Er, der Wortgewaltige, der Rhapsode und unbequeme Sänger in den Reihen der Homöopathen.
Dass in unserer Zeit wieder Muße und Inspiration durch schöngeistige Worte möglich ist, ist ein Wunder, weil sie offenbar gehört werden. Und dies angesichts einer Sprachverstümmelung, einer Degeneration der vormals dichtergeprägten deutschen Sprache zum Torso. Das lässt hoffen, denn poetische Worte sind heilende Worte; selbst eine scharfe Zunge wird durch die Poesie gemildert.
Wunderbar, dass dies nun auch in der Heilkunst und besonders in der Homöopathie möglich ist. Seelengesänge sind Friedensboten, berühren andere Seelen und kommen mit anderen in Resonanz, so dass sich mehr und mehr Menschen wieder trauen, ihren inneren Künstler, ihren inneren Poeten zu erlösen. Heilkunst braucht die Kunst, sonst wird sie nicht gehört, gesehen, gefühlt, geschmeckt oder gerochen. Künstlerischer Selbstausdruck ist das Heilsamste, das ein Mensch hervorbringen kann, denn er ließ Epochen voller Kriege und Seuchen überleben.
So gebe ich denn mit vollem Herzen meine Segenswünsche diesem Büchlein der Seelengesänge von Andreas Krüger mit auf den Weg. Mögen sie das Lächeln auf sein Antlitz zaubern und den Blick immer wieder auf den Narren lenken, den großen Inspirator aller Poeten.

Rosina Sonnenschmidt



Andreas Krüger – 50 Jahre Sieger des Lichts
Rosina Sonnenschmidt


Sieger des Lichts – vielleicht hört sich das erst einmal so an, als wolle ich hier über die Arznei-Persona von Phosphorus sprechen, also über das Wesen eines Menschen, der sich zunächst tuberkulinisch in kleinen Höhlen versteckt, dann aus allen Organen hustet und schließlich überall nach einem Heiler sucht. Den findet er aber nicht und tänzelt somit heimatlos durchs Leben, weil ihm der Boden unter den Füßen überall zu heiß ist. Darum hält er sich an den Wolken und Sternen fest.
Nein, meinem Freund und großen Inspirator Andreas möchte ich danken, dass er 50 Jahre lang immer wieder ins Licht gegangen ist und, wie jeder Mensch, der richtig lebt, ein Sieger des Lichts ist. Unter Mühen verließ er die Dunkelkammer des mütterlichen Uterus, spürte dann aber wohl bald seine Leidenschaft für Filme und entschied sich, schnellstens seinen eigenen Film zu drehen, um die schönen Bilder des Lebens betrachten zu können. Das war eine Menge Arbeit, die es verdient, in der Jahrhundertmitte innezuhalten und Grüße und Segen von allen Seiten in Empfang zu nehmen.

Ich möchte mit einem direkten Dank beginnen, zu dem ich etwas ausholen muss: Ist der Künstler im Heiler integriert und sind diese beiden wiederum im inneren König erlöst, so tanzt der Narr fröhlich um den „King“ und zeigt ihm immer wieder den Spiegel der Menschlichkeit. Nimmt der König dankbar die Mutter- und Vaterkraft, so entwickelt sich eine besondere Spezies des Homo sapiens, nämlich der „Hirnbenutzer“. Wir sind zwar alle „Hirnbesitzer“, doch nutzen wir in der Regel nur etwa 40 Prozent des linken analytischen Hirns und, in einem Anfall ungezügelter Kreativität, vom rechten Hirn etwa 5 Prozent. Dann hängt aber der Balken meist immer noch eher vor der Stirn anstatt in der Hirnmitte, wo er als Corpus callosum eigentlich neuronal die beiden Hälften vernetzen sollte.

Also, wie kam es denn zu dieser Sonderausgabe „Andreas Krüger“?
Alle paar Jahrzehnte hat der Schöpfergott „Karnevale“ und ich meine, dass ihm das weniger Fastenstimmung („carne vale – Fleisch, lebe wohl!“), als eher den Frühling eröffnen und „carus navalis!“ „Schiffswagen!“ rufen lässt, in der Hoffnung, dass jetzt alle Menschen ihr komplexes Hirn einsetzen, um diesen Aufruf zu verstehen, indem sie den Satz vervollständigen: „Los, Jungs, die bunt geschmückten Frühlingswagen in Schiffsform in Gang bringen!“
Gottmuttervater hofft auch, die Menschlein mögen kapieren, dass dieses Schiff ein leibhaftiges Bild für die Fruchtbarkeit ist und sie darin den Phallus wiedererkennen. Also, er gibt sich richtig Mühe, unser Hirn immer wieder zu prüfen. Aber er zweifelt wohl manchmal an seiner, von der Schlange „Ka“ übernommenen Idee des Balkens, weil nur so wenige Menschen die Netzfäden ihres Denkens nach rechts verlegen, wo die analogen Bilder zu den linksseitigen digitalen Fakten liegen. So schaut er etwas unzufrieden auf sein Werk, schimpft mit der „Ka“ (was meistens nichts nützt) und beschließt, den „Homo novus“, den „Emporkömmling“ doch noch einmal zu überarbeiten. Deshalb erschafft er sich ab und zu einen Homo sapiens, also einen mit Vernunft, Wissen und Weisheit begabten Menschen, der das rechte Hirn und seine Bilder zu aktivieren weiß. Er trifft sich zu einem Schoppen Wein bei seinem Freund Zodiak, der ihm immer wieder dasselbe sagt: „Da helfen nur zwei Krebse. Die drückste dem ins Hirn, dann macht der schon das Richtige.“

So geschah es also auch am 1. Juli 1954. Ein Knäblein saß auf dem Andreaskreuz, verwechselte die Ausgänge und zeigte der Welt als erstes seinen Hintern – ein schönes Bild für die Information „Ist mir egal, was die Klassiker von mir denken, ich gehe meinen Weg!“ Gottmuttervater sah das Knäblein heranwachsen zu einem Teenie und merkte, dass er doch noch etwas nacharbeiten und feilen muss, weil der Junghirsch etwas zu wenig Lust auf „links“ hatte (obwohl er sozialpolitisch durchaus schon links orientiert war). Er beriet sich mit seiner Freundin Hildegard von Bingen und sang mit ihr die neuesten Ordo-virtutum-Gesänge. Sie gab ihm den weisen Rat, den sie immer gibt, wenn es um begabte Rechtshirnbenutzer geht: „Da hilft nur eine Bombe. Lass dat Jüngelchen ma `ne Knallkopp kriejen, dann kommt der schon op de Fööß!“ Gottmuttervater ist immer etwas verwirrt ob der unkonventionellen Art der Bingener Rheinländerin, aber ihre Tipps haben stets gut funktioniert.

So geschah es. Andreas bekam den Knall im Kopp und damit seinen Weg gewiesen. Der Rest war einfach. Gottmuttervater lehnte sich zurück und amüsierte sich derweilen mit einigen klugen Geistern des Rokoko: hier ein kleiner Talk mit Samuel, dem Hahnemann im Korb der Französinnen, dort mit Voltaire und klopfte sogar dem Hitlerteufel dafür auf die Schulter, dass er auf der Erde wenigstens eine gute Tat, das Heilpraktikergesetz, vollbracht hatte…
ER war zufrieden mit seinem Werk, wissend, dass der da die richtigen Bilder in die Welt bringen, die digitalen Linkshirner aufmischen und sich von seinen Krebsen inspirieren lassen wird. Da Gottmuttervater es liebt, wenn was los ist, hat er die Natur unter anderem auch deshalb dualistisch angelegt, damit seine Geschöpfe Konflikte erleben müssen. Da er gütig ist, hat er auch immer gleich die passende Lösung bereitgestellt, in der Hoffnung, sie werden von Homo sapiensen sapiert (neudeutsch: kapiert). Bei der Sonderanfertigung des Typs „Andreas“ weiß er durchaus um die Konflikte, als da sind „seitwärts Step“, wenn’s um Selbertun statt Jammern geht, das „Wattebäuschchensyndrom“, „Die unendliche Geschichte meiner Therapie“ sowie der Größenwahn „Ich muss alle Arbeit dieser Welt ohne Pause erledigen“. Das sind, wie die himmlische Theresiendame Gottmuttervater aber versicherte, „peanuts“ im Vergleich zu dem Füllhorn reicher Gaben und Talente, das die zwei Lichtinspiratoren diesem Superexemplar des Homo sapiens permanent ausschütten. „Nobody is perfect“ ist eben die Devise der Schöpfung. Deshalb darf der Rechtshirnbenutzer etwaige Koketterien, dass sein linkes Hirn nicht so gut arbeite, mit seiner Sprach- und Wortgewalt stets ausgleichen. Wenn Gottmuttervater tatsächlich mal korrigierend einschreiten muss, weil sein Superexemplar „Andreas“ irgendwie das Maß verliert, dann tut er das sehr kreativ und bilderreich, indem er dem Andreaskreuzträger einige Erdbewohner aus der Karma-Abteilung, wie Agariküsse oder Hyoscyamus-Erdferkel sendet. Nach 50 Jahren ist Gottmuttervater sehr zufrieden!

Soweit die Genesis.
Nun zum indirekten Dank, nämlich durch meine Patienten.

In der Heilkunst hast du uns, lieber Freund, nachvollziehbare Bilder der Homöopathie beschert, die für jeden anderen Rechtshirnbenutzer die Praxisarbeit deutlich vereinfachen. Nun ist es aber so, dass mit dem Tranceblick in andere Realitäten eine künstlerische, sprich schöpferische Gabe engstens verbunden und die Tranceschau geradezu ein Produkt dieser Gabe ist. Dadurch ist auch das Künstlerische in die Heilkunst gedrungen.
Es gibt künstlerisch begabte Ärzte, die schulmedizinisch locker arbeiten und neben ihrem Beruf die Schöne Kunst als verdientes Lebenselixier und Zeichen von Lebensqualität pflegen. Dann gibt es vereinzelt Menschen aus künstlerischen Berufen, die in die Heilkunst finden. Den Heiler und den Künstler sozusagen als Zwillingsgabe zu bekommen, ist eine Gnade, die Dir, wie oben geschildert, zuteil wurde. Das bedeutete Pionierarbeit, die in der Therapeutenszene und damit in der Heilkunst viel bewegt hat. Dafür sei Dir auf ewig Dank.

Sprach ich von Dir als meinem Inspirator, so bedeutet dies für mich, Deine Wegweiser des Bildhaften und des Künstlerischen in der Homöopathie selbst anzuwenden. Den Dank, der daraus entströmt, möchte ich durch zwei Fallbeispiele sprechen lassen.

Rezitierendes Rheuma
Eine 59jährige, kräftig gebaute Dame kam in die Praxis und demonstrierte durch ihre „Powerhaltung“ sofort, dass sie nicht zu Späßen aufgelegt war und ihre Schmerzen endlich los sein wollte. Ich schrieb eine ganz normale Anamnese auf und hörte bei der Gelegenheit, dass in der Familie viel Rheuma existierte. Sie bekam Thuja und ausleitende Medikamente. Nach einer Woche rief sie wutschnaubend und „sauer“ an, die Schmerzen seien noch schlimmer als vorher, was denn das für eine Therapie sei usw. usw. Jetzt könne sie nicht mal mehr die Arme heben. Ich empfahl ihr Übungen und Farblichttherapie, die etwas linderten, aber die Schmerzen konnten nur mit Cortisonum D12 in Schach gehalten werden. Unter Hepar sulfuris wurde schließlich alles besser. Doch sie war immer noch unzufrieden und aufsässig. Da schaute ich mir die Dame mal von einer anderen Warte aus an und hörte auf einmal Deine Stimme. Es machte „klick“ und ich sprach wie in Trance: „Ich kopiere Ihnen jetzt ein Gedicht. Das rezitieren Sie dreimal am Tag mit lauter Stimme!“
Ich faxte ihr Dein Gedicht:

Drachenzeit

Die Ketten zerrissen,
das Feuer entfacht,
wieder fliegen, gemeinsam,
durch die Unendlichkeiten der Stille.
Drachentreue,
Drachenliebe,
Drachenlachen,
Welten zerstören, Welten aufbauen.
Heimkehr zur Mutter, schreckliche Mutter, zärtliche Mutter,
Drachenzeit.

Einige Wochen lang hörte ich nichts mehr von der Dame. Dann reiste ich zwecks Vortrags zu einer Messe. Da kommt mir plötzlich die Patientin entgegen, strahlend, die Hüften keck schwingend: „Schauen Sie mal, wie beweglich ich geworden bin. Schmerzen ade!“ Staunend höre ich, dass sie dieses Gedicht als tief heilsam und absolut passend empfunden habe. Nach zig Jahren konnte sie wieder das Grab ihrer „schrecklichen“ und „zärtlichen“ Mutter besuchen und hatte sich neuerdings unser Buch „Die Kunst zu heilen“ gekauft. Nun lese sie laut auch andere Gedichte und ihr Mann lobe ihre schöne Rezitationsstimme.

Stimmbalsam bei Psychose
Ein französischer Onkologe kam wegen schwerer Angstzustände und dem Wahn, er könne das Haus nicht mehr verlassen und müsse die Klinik, in der er arbeitete, in seine Wohnung verlegen. Schreckliche Angst peinigte ihn Tag und Nacht. Er hatte noch nie Globuli gesehen, geschweige denn eingenommen. Homöopathie gehörte nicht in sein schulmedizinisches Weltbild. Ich gab ihm Aconit als Hilfe für die akuten Angsteinbrüche. Das half wunderbar. Aber nun passten eben die kleinen Zuckerdinger nicht in sein kleines Weltbild, weshalb er meinte, ich müsse ihm den Trick verraten, wie eine dreizehnjährige Angst mit Zucker behandelt werden könne. Ich versuchte, ihm das Prinzip der Homöopathie zu erklären. Er begriff es nicht. Er war auf den Zucker fixiert und Zucker konnte nicht solch eine gravierende Veränderung herbeigeführt haben. Aconit hielt auch diesen Sturm aus und wirkte. Er wurde immer beweglicher, verließ das Haus ohne Angst und wollte nun den nächsten Schritt tun, nämlich mit dem Auto verreisen. Das ging nach wie vor nicht. Klar, Aconitwurzeln reichen nicht bis in die tiefe sykotische Ebene. Ich erkannte ihn ihm ein Abbild des Lycopodium Bonaparte und verordnete ihm Lycopodium ohne Globuli, nämlich in Gestalt dreier Vortragskassetten von Dir. Als ich das demonstrativ auf meinen Rezeptblock schrieb: jeden zweiten Tag die 3 Kassetten anhören, glaubte er, ich sei nun vollends neben der Spur.
Ich hörte nichts mehr und dachte schon, er habe sich einfach aus dem Heilungsprozess ausgeklinkt. Weit gefehlt! Der Patient hatte die Lauschtherapie tatsächlich durchgeführt, anfangs, wie er sagte, um sprachlich alles genau mitzukriegen (er spricht gut Deutsch), war aber dann fasziniert von der Welt, die du ihm als Homöopath durch die Trancereise eröffnet hattest. Er hatte seine eigene Vaterthematik erkannt und daran gearbeitet. Seine dominante Mutter hatte er sanft in die Schranken gewiesen und seiner Schwester (Kinderärztin in Nizza) mal gehörig die Meinung gesagt und sich die ständige Bevormundung verbeten (!). Dann hatte er den Mut, auch seinem Klinikchef Grenzen zu setzen, der die Ärzte am Stück 48 Stunden lang arbeiten ließ. In dem Maße, wie er als Mann seine männliche Kraft erlöste, schwand auch seine Angst. Er trug die Kassetten immer bei sich und erkor sie zu seiner Hörbibel.
Er war glücklich und zufrieden und sagte abschließend zu seinem Bericht: „Jetzt muss ich nur noch begreifen, wie Zucker in der Homöopathie heilen kann.“ Da schüttete ich ein paar Globuli von Lycopodium C200 in ein Tütchen und überreichte es mit den Worten: „Alles was Sie durch die Kassetten gewonnen haben, ist als Information in komprimierter Form noch mal auf diese Kügelchen übertragen. Zweimal pro Woche nehmen Sie das Tütchen in die Hand, verneigen sich vor dem Geist, der in ihm wohnt, nehmen 2 Globuli ein und denken dabei an die Trancereise oder hören sie sich nochmal an.“

Das ist jetzt 3 Jahre her und es geht ihm gut. Er ist befördert worden, hat mehr Freiraum gewonnen und viele Ängste überwunden. In der Zwischenzeit hat er noch weitere Kassetten von mir bekommen. Außerdem fragt er nicht mehr, wieso Zucker heilen kann, denn es dämmert ihm, dass es doch Phänomene in der Heilkunst gibt, die man nicht mit Apparaten erklären kann.

Mit den besten Segenswünschen für den neuen Lebensabschnitt

Deine Rosina


Die Gnade der Inspiration
Harald Knauss

Für meinen Freund Andreas Bombadil Krüger

Es gibt Geschenke im Leben, die kann man nicht er-kaufen, er-zwingen, er-arbeiten oder er-meditieren, sondern sie pflegen uns von höherer Macht zuzufallen. Ein solches Geschenk war meine Begegnung mit Andreas, von dem nicht nur andere behaupten, schon rein äußerlich hätten wir sehr viel Ähnlichkeit. Beide füllen wir, medorrhinisch überaus begabt, mit starker Stimme jeden Saal. Und wir sind zwei Baumfreunde, weshalb mir einer seiner Namen, nämlich Bombadil, so wichtig ist. Und doch unterscheiden wir uns auch in vielen Dingen, gottseidank. Andreas liebt das Walken und Chanten, während ich lieber mit lautem Schlachtruf meine Karatestunde absolviere. Andreas liebt es, Menschen um sich im Kreis zu versammeln, während ich gerne die einsame Stille des Waldes genieße. Ich brauche für mein Reden immer eine gute Vorbereitung, während Andreas ganz aus der Inspiration spricht.

Es war seine Stimme, der ich zuerst begegnet bin. Ein Vortrag von den Homöopathietagen. Auch unsere erste Begegnung, war begleitet von der Sprache. Es war ein Interview für Mediale Welten, immer noch ein Glanzstück meiner Zeitschrift. Die Kraft seiner Stimme und seiner Bilder hält mich immer wieder gefangen, da sie so lebendig sind und vom Leben selbst erzählen. So wird Homöopathie für mich zu einer lebendigen Wirklichkeit und nicht zu einem verstaubten Archiv von toten Fakten.

Viel habe ich in dieser Hinsicht von ihm gelernt und viele Impulse hat er mir gegeben. Die Gnade der Inspiration ist etwas wunderbares. In diesem Sinne dem Jubilar noch lange Jahre des Wirkens und Inspirierens.

Mit ganz herzlichen Grüßen aus dem Elsaß
Harald „Adlerschwinge“ Knauss

Ikone der Seele und griechische Tragödie:
Ein Vergleich zwischen Therapie und antiker Kunstform
Nadia Salah

Ein Vergleich von Aufstellung und griechischer Tragödie scheint – zumindest im herkömmlichen Sprachgebrauch – problematisch, denn unter Tragödie verstehen wir ein schicksalhaftes Verhängnis, das im Laufe von fünf Akten zur unentrinnbaren Katastrophe wird. Fassungslosigkeit macht sich breit angesichts von so viel Ungemach und in der Tat ist die Tragödie die Domäne von Tod und Ausweglosigkeit in der modernen abendländischen Literatur. Von hier führt kein Weg zu wie auch immer gearteten Gemeinsamkeiten.

Als aber die alten klassischen Meister – allen voran Aischylos und Sophokles – 500 Jahre vor Christus das Unheil in Szene setzten, bereitete das Trauerspiel nicht unbedingt den sicheren Untergang. Als tragisch wurde das leidvolle Geschehen angesehen und die Schuld des Helden – jene Schuld, deren eigentümliches Wesen Aristoteles in seiner Poetik darlegt, eine Schuld, die „subjektiv nicht anrechenbar, objektiv in aller Schwere besteht.“
Der Kontext dieser schuldlos-schuldhaften Verstrickung ist die Familie und ihre heilige Ordnung. Diese Gemeinschaft, die den Standort des Einzelnen bestimmte, ihm Identität und Würde verlieh, umfasste selbstredend auch die verstorbenen Ahnen, denen regelmäßig geopfert wurde. Und schon jetzt wird eine wesenhafte Nähe zu Andreas Krügers Aufstellungsarbeit sichtbar. Denn häufig begegnet Andreas mit einer Ikone dem alltäglichen Wahnsinn eines Individualitätsbegriffes, der Entwurzelung und Beziehungslosigkeit zu Kriterien der Selbstfindung macht. Die Ikonen tragen nicht selten den Charakter einer Initiation, eines Rituals, das den Einzelnen durch Einweihung in Resonanz mit dem Kollektiv seiner Ahnen bringt und ihm so die in diesem kollektiven Bewusstsein enthaltenen Kräfte und Ressourcen erschließt. Die Stellungs- und Prozessarbeit von Andreas ist hierbei genial einfach und einfach genial: durch Ehrung der ins Feld gestellten Archetypen, des Vaters, der Mutter, des Opfers etc. wird Integration vollzogen und werden Konflikte bereinigt.

Folgt man Aristoteles, so macht die Katharsis, die Reinigung von Furcht und Mitleid, die Wirkung der Tragödie aus. Gerade der Begriff des Mitleids, der in diesem Zusammenhang fällt und über den sich Generationen von Literaturwissenschaftlern und Altphilologen den Kopf zerbrochen haben, lehrt mich Andreas ganz neu verstehen: Durch die Rückgabe entledigt sich der Stellvertreter aller psychischen Lasten, die ihn in Mitleidenschaft gezogen haben. Diesem Mitleid, das auf Angst, Anmaßung und Respektlosigkeit beruht, liegt eine symbiotische Disposition der Seele zugrunde. Einer Seele, die in der tiefen Täuschung befangen ist, dass Verschmelzung mit dem Krankhaften Heilung bringt. Der verhängnisvolle Irrtum aber, das „Versehen“ ist der Inbegriff des Tragischen.

So weit, so ungut, sollte man meinen, hätte Andreas nicht die Aufstellung als Therapieform um das Wunder bereichert. In seiner Schrift „ Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ sieht Nietzsche Apoll als den geistigen Vater der griechischen Kultur und Kunst an. Tatsächlich steht das Wunder, das für Andreas’ Aufstellungen so charakteristisch ist, ganz im Zeichen dieses hellenischen Gottes, denn Nietzsche zufolge drängt Apollon „den Einzelnen zur Erzeugung der erlösenden Vision“. Apollon, der im Traum erscheint, gilt auch als der Gott der Individuation und versinnbildlicht eine lichtvolle Sphäre, die als „schöner Schein“ nicht wirklich fassbar wird. Die Wirkungsmächtigkeit der von Andreas entwickelten Ikonen besteht auch darin, dass das Wunder individuiert, d.h. das Wunderwort des Patienten zu Fleisch wird und buchstäblich Gestalt annimmt. Der Satz „Ich bin voll realisiert“, den Andreas das Wunder am Ende der Aufstellung sprechen lässt, umschreibt den Prozess der Individuation sehr deutlich. Folgt man der griechischen Mythologie, verlieh Apollon zudem die seherischen Fähigkeiten. Das Wunder in der Ikone ist hellsichtig und erfasst intuitiv die energetischen Zusammenhänge. Dieser Hellsichtigkeit vertraut Andreas so blind, wie es nur ein messianisches Gemüt vermag. Da Apollon auch der Gott des Maßes ist, verwundert es nicht, dass das Wunder als apollinisches Element auf einer Skala von minus bis plus Zehn zu lesen versteht.

Der Inbegriff des Maßvollen aber ist das Ästhetische: die vollendete Proportion des antiken Kunstwerkes, die sich zum Beispiel im Versmaß der Tragödie ausdrückt. Hier ist Andreas vollkommen in seinem künstlerischen Element, denn er hat durch seine Sprache Gewalt über Menschen und kann in einer Aufstellung mit Sätzen von eindrucksvoller poetischer Schönheit die Seele ganz weit werden lassen. Der geniale Funke tanzt in allen seinen Sätzen.

Der Tanz bringt uns zu Dionysos, dem Gegenspieler des Apoll und zu den kultischen, rituellen Totengesängen, aus denen die Tragödie sich entwickelt hat. Dionysos war die Tragödie gewidmet und in seinem heiligen Bezirk wurde sie aufgeführt. Die Ausdrucksmittel dieses Gottes waren die Musik und die Ekstase. Die Musik als absolute Metapher und die Ek-stase (wörtlich: Heraus- treten aus dem Ego) zielen auf das Kollektiv ab. Auf den Festen, die Dionysos zu Ehren stattfanden, wurde – alten Texten zufolge – ein Anhänger des Gottes von der Inspiration wie von einem Blitzstrahl getroffen und begann zu singen. Nachdem er geendet hatte, wurde sein Gesang von allen Anwesenden im Chor wiederholt. Die griechische Tragödie, in der der Chor als künstlerisches Element eine so überragende Rolle spielt, hatte also rituelle Wurzeln und wird damit in ihrer Polarität sichtbar. Apollon und Dionysos stehen für die Polarität von Individuum und Kollektiv, von Sprache und Musik, von Hochkultur und primitiv-magischen Riten. Wer auch immer sich auf das Apollinische einlässt, ruft früher oder später das Dionysische auf den Plan, denn diese Prinzipien sind – wie Nietzsche betont – unauflöslich miteinander verbunden. Ein guter Tragiker muss – genau wie ein guter Aufsteller – beiden Göttern opfern, die sich übrigens auf einer berühmten griechischen Vase die Hand reichen.

In Nietzsches Augen musste Andreas früher oder später das Format der Ikone um den rituellen Gesang ergänzen und auf diese Weise den Dionysos ehren, der auch Masken und Tänze liebt.

Als besonders dionysisch habe ich eine Aufstellung im Rahmen von Andreas letztem Seminar empfunden, in der der Tod zu tanzen schien. Ein unglaublich liebenswürdiger, älterer Herr übertrug Andreas hierbei die ehrenvolle Aufgabe seine Verwandten aufzustellen, die allesamt verstorben waren. Es entstand ein großer Todesreigen, zu dem Andreas ein unbeschreiblich schönes Heillied sang.

Mit dem Tanz des Todes aber rückt in das Zentrum von Andreas Arbeit, was die griechische Tragödie in ihrem Kern war: ein Gang in der Unterwelt, ein Zwiegespräch mit den Schatten, ein Abstieg in den Hades, von dem die alten Griechen glaubten, dass nur ein Sänger ihn betreten kann.

Ein Lied, das die Seele zurückbringt
Schamanische Kraft- und Heilliedrituale an der Samuel-Hahnemann-Schule
Nadia Salah

Nach der indischen Lehre geht der Klang jedweder Form voraus, und im Ursprung war es das Om, aus dem sich die ganze Schöpfung entfaltete. Die moderne Physik bestätigt diese Lehre: Die Materie erweist sich als Illusion und das Stofflich-Sichtbare beruht in seiner atomaren Struktur letztlich auf Schwingung und Energie.

Auch das Heillied als schamanische Technik weiß um die Wechselwirkung von Form und Klang. Da die materiellen Formen in Wahrheit Energieschwingungen darstellen, kann umgekehrt auch der Klang auf die Materie wirken. Als schamanisches Ritual ist das Lied eine Metapher des Absoluten und ruft aufgrund der in ihm wirkenden göttlichen Kraft ein ganzes Spektrum an Heilungen hervor. Beim Singen entstehen Frequenzen, die tief in den Körper des Kranken eindringen und die Zellstruktur auf die kosmische Ordnung einstimmen. Zum einen führt das Kraftlied tief in die Trance; es vermag aber auch im anderen Bewusstseinszustand geistige Helfer wie Krafttiere und Engel herbeizurufen. Zum anderen stellt das Heillied eine magische Technik des Schamanen dar, deren Wirkungsmächtigkeit sogar das Karma aufzulösen vermag, denn es ist dem Totem der Spinne zugeordnet, die als Krafttier nur jenem Heiler erscheint, der entweder dem Tod oder dem Wahnsinn ins Auge geblickt hat. Ein solcher Schamane hat die Fähigkeit, die Stricke zu zersingen, mit denen die Menschen an den Pfahl des Schicksals gefesselt sind.

Im Alexanderkreis der Samuel-Hahnemann-Schule, einem Kreis von Heilern, der auch für Schüler und Externe zugänglich ist, wird die Kunst des heilenden schamanischen Gesangs eindrucksvoll vermittelt.

Für musikalisch-technische Perfektion sorgt dort Astrid Dicke, deren tiefe Musikalität alle Facetten des schamanischen Liedgutes umfasst. Sie rezitiert die Gesänge sibirischer Jakuten mit der gleichen Inspiration wie buddhistische Mantren oder Songlines aus dem australischen Outback.

Die Seele des Kreises aber ist Andreas Krüger, Schulleiter der Samuel-Hahnemann-Schule, dessen Position man aber angesichts der fröhlichen Ausgelassenheit, musikalischen Intensität und unbändigen Lebensfreude, die er an diesen Abenden ausstrahlt, leicht vergisst.

Durch seine Stimme – heißt es in alten Überlieferungen – hat der Schamane Gewalt über die Menschen, und tatsächlich legt sich die Stimme von Andreas – charaktervoll und von eigentümlich herber Schönheit – wie ein Zauber auf die Seele. Wenn man sich in der Trance dieser rauen Stimme und ihrer zartbrüchigen Klangfarbe hingibt, erinnert sie so sehr an einen Druiden, dass man schwören könnte, in Stonehenge zu sitzen. Und Andreas, der schamanisches Wissen und Strenge mit so viel Liebenswürdigkeit vereint, leitet den ganzen Abend hochkarätige magische Operationen: Seelenreisen, Anrufung der Schutzgeister, Aufspüren des Krafttieres und Entdeckung des eigenen Heilliedes, um nur einige zu nennen.

Ich erinnere mich an Abende voll ekstatischer Freude, an denen Andreas sein Krafttier tanzte und das wilde Heulen eines Steppenwolfes den Raum erfüllte. Ich erinnere mich aber auch an ruhige, stimmungsvolle Abende voller Harmonie, an denen die Klänge und Rhythmen der Mantren wie Balsam für die Seele waren.

Aber keine schamanische Initiation ohne Begegnung mit dem Tod: Erschütterung und Trauer machen sich in der Schule breit, als die Nachricht eintrifft, dass Reinhold, ein großer Heiler und enger Freund von Andreas, die gestrige Nacht nicht überlebt hat. Ungemein tröstlich ist der Gedanke, dass unsere Lieder diese Seele auf dem Weg ins Unbekannte begleiten. „Wir wandeln“, heißt es in der freimaurerischen Oper, die die Initiation zu ihrem Thema gemacht hat, „wir wandeln durch des Tones Macht froh durch des Todes düstre Nacht“, und erst jetzt habe ich das Gefühl, diese Verse aus Mozarts Zauberflöte annähernd verstanden zu haben.

Egal wo sich die Seele versteckt hat, zerrieben im Alltag, zerfetzt von widersprüchlichen Loyalitäten oder abgestumpft durch den alltäglichen Wahnsinn der Massenmedien – Andreas bringt sie dir durch ein Lied zurück und sprühende Lebensfreude dazu, wie man sie zuletzt als Kind empfunden.

Ein großer Heiler, der uns gelegentlich ermahnt and die Worte eines noch größeren „Wenn ihr nicht werdet wie eines von diesen…“


 

 

Dieses Buch können Sie bestellen bei: Verlag Homöopathie und Symbol, Tel.: 030 85729674, mail@homsym.de


 2. erweiterte und geänderte Auflage !!

 

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